Absicherung des Fündigkeitsrisikos bei Tiefengeothermieprojekten – Das neue KfW-Programm 572
- KfW-Programm 572 reduziert das Fündigkeitsrisiko bei Tiefengeothermie-Bohrungen
- 100 % Bohrfinanzierung mit Risikoabsicherung stärkt Investitionssicherheit
- Besonders attraktiv für Kommunen und Stadtwerke in der Wärmewende
- Starker Impuls für den Markthochlauf klimaneutraler Wärme in Deutschland
Der Grund dafür liegt vor allem in einem zentralen Projektrisiko: Die genaue dauerhaft verfügbare Energiemenge aus dem Untergrund steht erst nach den Bohrungen fest. Es besteht die Gefahr, dass die Energiemenge nicht ausreicht, die Investition in die Tiefbohrungen zu refinanzieren, was bislang vor allem private Investoren als ein wesentliches Hemmnis genannt haben. Dieses Thema wird auch auf EU-Ebene vom Parlament und der Kommission als zentrale nicht-technische Herausforderung adressiert.
Mit dem KfW-Förderkredit Geothermie (Programm 572) ist nun ein bundesweites Förderinstrument eingeführt worden, das diese Herausforderung systematisch adressiert. Auf Basis des vom Umweltbundesamt und BMWE (vormals BMWK) beauftragten Forschungsvorhaben „AKTIEF“ hat das Projektkonsortium Fraunhofer IEG, Fraunhofer ISI und RÖDL die Basis für das neue KfW-Programm gelegt. Mit Start des Programms zum 18. Dezember 2025 haben nun KfW, Munich Re und das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie das fertige Produkt an den Markt gebracht. Es stellt nicht nur Kapital für die Bohrphasen zur Verfügung, sondern koppelt die Finanzierung mit einer umfassenden Absicherung des Fündigkeitsrisikos und erleichtert damit die Projektentwicklung deutlich.
Einordnung des Fündigkeitsrisikos in die Projektentwicklung
In Tiefengeothermieprojekten machen die Bohrkosten – abhängig von Tiefe, geologischen Verhältnissen und technischer Komplexität – einen erheblichen Anteil der Gesamtinvestition aus. Die Unsicherheit, ob am Ende auch tatsächlich Thermalwasser mit der gewünschten Temperatur und Ergiebigkeit erschlossen wird, lässt sich trotz verbesserter geologischer Datenlage nie vollständig eliminieren. Zwar haben in den vergangenen Jahren seismische Untersuchungen vieler Bundesländer zur Verbesserung der Untergrundmodelle beigetragen, doch selbst bei Projekten mit hoher Erfolgswahrscheinlichkeit blieb ein Restrisiko bestehen, weswegen sich Investoren im Rahmen der Gesamtabwägung für Investitionsmöglichkeiten in andere EE-Technologien entschieden. Die Betreiber standen damit vor einem Dilemma: Sie mussten eine wirtschaftlich signifikante Vorleistung erbringen, ohne zu wissen, ob diese Vorleistung jemals in Erträge münden wird. Das neue Programm greift deshalb genau in dieser Phase ein und entlastet Projektträger bereits vor der eigentlichen Erschließung.
Ziele, Struktur und Funktionsweise des Programms
Das KfW Programm 572 ist explizit auf die risikoreiche Explorations- und Bohrphase ausgelegt. Es richtet sich an Kommunen, Stadtwerke, Energieversorger, Zweckverbände, gewerbliche Unternehmen sowie Projektgesellschaften mit Wärmeverwertung in Deutschland. Entscheidend ist die Ausrichtung auf Projekte, die Tiefengeothermie (Bohrtiefen von mindestens 400 m) für die Wärmeversorgung erschließen wollen.
Die Bohrungen können zu 100 % (max. 25 Mio. € pro Bohrprojekt) über ein zinsvergünstigtes Darlehen finanziert werden. Die Munich Re sichert dabei zwischen 30 und 70 % (je nach Risikoeinstufung des jeweiligen Projekts) ab. Der restliche Anteil wird über Bundesmittel abgesichert.
Der Förderkredit ist nur im Falle eines erfolgreichen Bohrprojekts im vollen Maße zurückzuzahlen. Während der Bohrphase sind lediglich die Zinszahlungen erforderlich, die Tilgung der Darlehen erfolgt, falls gewünscht erst nach erfolgreichem Abschluss des Bohrprojekts, sodass diese aus den generierten Cashflows bedient werden können. Sollte die Energiemenge aus Tiefengeothermie hinter den Planungen zurückbleiben, so kommt es zu einem (Teil-)Schulderlasse des gewährten Darlehens.
Da es sich laut KfW bei diesem Darlehensprogramm nicht um eine Beihilfe handelt, ist die Kumulierung mit der bestehen Förderung „Bundesförderung Effiziente Wärmenetze“ – Modul 2 – möglich und sinnvoll. Um die vollständige Förderung in allen denkbaren Szenarien sicherzustellen, ist bei allen Projekten von Beginn an ein umfassendes Förder- und Finanzierungsmanagement notwendig.
Für eine erfolgreiche Gewährung des Darlehens ist im ersten Schritt eine Vorprüfung durch die Munich Re erforderlich, ob eine grundsätzliche Förderfähigkeit für das entsprechende Projekt vorliegt. Nach positivem Ergebnis kann Förderantrag bei der KfW gestellt werden. Ergebnis dieses Förderantrags ist ein geschlossener Vorvertrag mit der KfW. Nach Abschluss des Vorvertrags setzen sich die Projektbeteiligten mit KfW und Munich Re zusammen, um die konkrete Ausarbeitung (Verteilung zwischen Munich Re und KfW Anteil und deren Konditionen) zu besprechen. Mit Abschluss dieser Verhandlungen erhält der Antragssteller ein Angebot der Munich Re und eine freigegebene Finanzierung der KfW. Dies ebnet den Weg, damit der Antragssteller beim jeweiligen Finanzierungspartner den Förderkredit beantragen kann. Nach erfolgreichem Vertragsabschluss mit diesem kann das Bohrprojekt starten.
Geförderte Maßnahmen und technischer Umfang
Während viele frühere Förderprogramme primär die Projekte der Tiefengeothermie unterstützten, konzentriert sich das Programm 572 ausdrücklich auf die Bohr- und Risikophase aller Technologien. Dadurch werden folgende Maßnahmen förderfähig: Tiefbohrungen ab 400 Metern, große Erdwärmesonden, Maßnahmen zur Sicherung des Bohrerfolgs.
Damit deckt das Programm die geplanten Investitionen in nahezu alle wesentlichen technischen Schritte der Erschließung ab – einzig Vorlaufmaßnahmen wie Grundstückserwerb oder reine Eigenkapitalleistungen sind ausgeschlossen. Besonders für Stadtwerke ist diese Struktur attraktiv, da sie die aus Sicht der Finanzierung hochpreisigen Projektteile abfedert. Um den darüberhinausgehenden Absicherungsbedarf rechtzeitig zu erkennen, ist ein entsprechendes Risikomanagementsystem mit der Einbeziehung der Erfahrung unabhängiger Expertinnen und Experten sinnvoll.
Marktwirkungen und Impulse für den Hochlauf der Tiefengeothermie
Das Programm entfaltet unmittelbare und mittelbare Wirkung auf den Markt. Zunächst kann die KfW laut aktuellen Angaben der Tiefengeothermiebranche damit mindestens 65 Projekte in drei Jahren absichern (aktuell 42 Anlagen zur Wärme- und Stromerzeugung aktiv¹). Dies entspricht einem massiven Investitionsschub: Durch die Bereitstellung von 49,5 Mio. Euro Bundesmitteln lassen sich Investitionssummen im vielfachen Volumen anreizen.
Damit kann die Tiefengeothermie als grundlastfähige, klima- und importunabhängige Wärmequelle die strategische wichtige Rolle in der Transformation der Wärmeversorgung in Deutschland einnehmen, die in diversen Studien bereits eingeplant worden ist.
Zusammen mit der kürzlich veröffentlichten Explorationsinitiative des 8. Energieforschungsprogramms² und der seit dem Jahr 2022 laufenden Bundesförderung effiziente Wärmenetze (BEW)³ ist nun ein Förder- und Finanzierungskonstrukt geschaffen worden, dass bei vielen Stadtwerken und Energieversorgern die Attraktivität in die Realisierung von Tiefengeothermieprojekten vollumfänglich steigen lässt und somit die Transformation der Wärmeversorgung in Deutschland massiv anreizt.
Fazit
Die Veröffentlichung des KfW-Programm 572 stellt eine weitere wichtige Säule für den Markthochlauf der Tiefengeothermie und damit auch der Wärmewende in Deutschland dar. Die komplexe Finanzierung von Tiefengeothermie kann durch den die Bereitgestellten Förder- und Finanzierungsinstrumente aus Explorationsinitiative, BEW und KfW-Programm vereinfacht werden und somit Stadtwerken, Energieversorgern und Projektentwicklern eine vollumfängliche finanzielle Unterstützung bereitstellen.
Von wirtschaftlichen bis rechtlichen Fragestellung über das Projekt- und Risikomanagement und die Projektsteuerung steht Ihnen RÖDL vollumfänglich zur Verfügung. Gleichzeitig stellen wir mit unserem unabhängigen und interdisziplinären Beratungsansatz die Schnittstelle zu strategischen Themen wie der kommunalen Wärmeplanung (KWP), Transformationsplanung (BEW) und Veränderungen bzw. Optimierungen in der Fernwärmepreisberechnung dar.
1 vgl. Bundesverband Geothermie: Geothermie in Zahlen
2 vgl. Erleuchtung des Untergrund – Explorationsinitiative Geothermie | RÖDL
3 vgl. Systematischer Förderansatz: Mit der Betriebskostenförderung (BEW Modul 4) die Integration der Tiefengeothermie in klimaneutrale Wärmenetze optimieren | RÖDL