Ende der Kupfer-Ära: Was der „Digital Networks Act“ und die BNetzA-Pläne für die Branche bedeuten
- DNA und BNetzA forcieren die aktive Migration von Kupfer auf Glasfaser
- EU will 95 % Verfügbarkeit; DE fordert 80 % Anschlussquote für Abschaltungen
- Das Kupfernetz wird zum „Stranded Asset“; Investitionszyklen verkürzen sich
Ein Paradigmenwechsel: Vom Ausbau zur Migration
Lange Zeit galt in Deutschland das Prinzip der Technologie-Neutralität. DSL (Kupfer) und Glasfaser (FttH) existierten nebeneinander. Doch diese „Doppel-Infrastruktur-Ära“ ist ökonomisch ineffizient, ökologisch nicht mehr haltbar und hemmt den Weg für technologischen Fortschritt sowie wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland.
Die Kernbotschaft der neuen Regelwerke aus Brüssel und Bonn ist klar: Der Fokus verschiebt sich von der reinen Förderung des Ausbaus hin zur aktiven Abschaltung der alten Kupferinfrastruktur.
Das Regelwerk: EU vs. Deutschland
Strategisch müssen sich Marktteilnehmer zunächst auf ein Spannungsfeld zwischen europäischen Vorgaben und dem deutschen Diskurs einstellen:
- Der EU Digital Networks Act (DNA): Brüssel drückt aufs Tempo. Das Ziel ist eine Harmonisierung des Binnenmarktes mit einer klaren Deadline. Bis 2035 soll eine geregelte Abschaltung des Kupfernetzes erfolgt sein, bis Ende 2029 sollen die Mitgliedsstaaten ihre konkreten Pläne dazu der EU-Kommission vorlegen. Die EU setzt dabei auf eine Verfügbarkeitsquote von Glasfaserdiensten von 95 % („Homes Passed“).
- Das Konzept der Bundesnetzagentur (BNetzA): Im Ansatz der BNetzA steht die Sicherstellung der Versorgung im Vordergrund: Die Einleitung des Abschalteverfahrens wird an eine Anschlussquote von 80 % („Homes Connected“) geknüpft, was über die technische Verfügbarkeit hinausgeht.
Die deutsche 80%-Hürde ist operativ deutlich anspruchsvoller. Es reicht nicht, dass das Glasfaserkabel in der Straße liegt und technisch verfügbar ist; die Kunden müssen tatsächlich angeschlossen sein. Eine derartige Bedingung widerspricht dem Wunsch der Branche nach Planungssicherheit: Während das TKU bei der Homes-Passed-Hürde das Erreichen derselben in eigener Hand hat, hängt das Erreichen der Homes-Connected-Hürde wesentlich vom Verhalten der Endkunden ab, welches deutlich schwieriger zu beeinflussen ist.
Zudem findet die Einleitung des Abschalteverfahrens nach BNetzA-Logik erst zu einem Zeitpunkt statt, zu dem das Netz bereits zu großen Teilen ausgelastet ist – zu spät für die Netzbetreiber, denn die kritischen Jahre des Glasfaserausbaus sind dann bereits überstanden. Die Logik des DNA hilft den ausbauenden Unternehmen deutlich mehr, denn bei fertigem Ausbau folgt die Take-Rate hier automatisch.
Der 3-Jahres-Fahrplan
Der von der BNetzA skizzierte Prozess dient als Grundlage für die strategische Planung. Sobald die Voraussetzungen in einem Gebiet erfüllt sind, ist ein Countdown des dreijährigen Migrationsablaufs vorgesehen:
- 36 Monate (Validierung): Prüfung, ob die Quote erreicht ist und ein geeignetes Open-Access-Angebot vorliegt.
- 24 Monate (Vermarktungsstopp): Der wohl härteste Einschnitt. Ab hier dürfen keine neuen Kupfer-Verträge mehr abgeschlossen werden. Das wichtigste Kundenbindungsinstrument des Incumbents entfällt dadurch.
- 12 Monate (Ankündigung): Die formale Kündigung der verbleibenden Kupfer-Anschlüsse erfolgt.
- 0 Monate (Switch-Off): Das Kupfernetz wird physisch deaktiviert.
Ein kritischer Aspekt für die strategische Planung ist die Diskrepanz zwischen den Zeitplänen aus Brüssel und Bonn. Der DNA setzt mit den Jahren 2030 (Zwischenziele) und 2035 (verpflichtende Abschaltung) harte Deadlines. Der DNA betrachtet die Abschaltung als makroökonomisches Ziel zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit Europas. Das Konzept der BNetzA hingegen definiert kein festes Enddatum für ganz Deutschland, sondern setzt auf ein rollierendes Verfahren. Jedes Cluster und jede Gemeinde hat ihre eigenen Vorgaben, abhängig vom lokalen Ausbaufortschritt.
Unserer Projekterfahrung nach dürfte die durch den DNA vorgegebene Abschaltung des Kupfernetzes in den frühen 30er Jahren mit einer Homes-Connected-Hürde, wie sie die BNetzA vorschlägt, schwierig zu erreichen sein: Häufig übersteigt das Ausbautempo den Zuwachs aktiver Kunden deutlich, sodass teilweise auch in älteren Netzen Auslastungen von deutlich unter 80 % zu beobachten sind.
Ökonomische Konsequenzen: Kupfer als „Stranded Asset“
Für Unternehmen verschieben sich die Parameter der Investitionsrechnung mit einer Abschaltung – egal wann sie Eintritt – grundlegend.
OPEX-Reduktion für Kupfernetzbetreiber: Der Parallelbetrieb vernichtet Wert. Glasfasernetze verbrauchen im Betrieb bis zu 80 % weniger Energie als aktive Kupferkomponenten.
Bilanzielle Risiken: Das Kupfernetz wird zum „Stranded Asset“. Abschreibungszyklen müssen verkürzt werden, was kurzfristig die Bilanzen belastet, aber langfristig den Cashflow bereinigt, da keine Re-Investitionen in veraltete Technik mehr nötig sind.
Fazit
Der DNA und das Regulierungskonzept zur Kupfer-Glas-Migration der BNetzA sind der Startschuss für die größte Infrastruktur-Transformation seit der Privatisierung der Bundespost. Die Zeit der Technologie-Neutralität weicht einer klaren „Fiber First“-Präferenz. Der bis zum 16. März 2026 laufende Konsultationsprozess sowie die Differenzen zum europäischen DNA lassen eine umfassende Überarbeitung des ersten Konzeptvorschlages der BNetzA erwarten.