Energiewende „Made in India”: Die Erneuerbaren weiter auf dem Vormarsch
„In Indien ist alles größer.” Diese Aussage gilt auch für die kontinuierlich wachsende Energiebranche, die in der nahen Zukunft alle 1,3 Milliarden Bewohner des indischen Subkontinents mit Strom versorgen soll. Ein entscheidender Wachstumsmotor sind die Erneuerbaren Energien, die dem gut vorbereiteten Investor eine interessante Alternative zu den stagnierenden Märkten in Europa bieten.
Energieerzeugung in Indien: Ein Sektor im Wandel
Die indische Energiebranche unterliegt schon seit Jahren einem kontinuierlichen Wandel, und das in einer Phase des extremen Wachstums der Kapazitäten. Die indische Unionsregierung in New Delhi unter Premierminister Modi versucht zum einen den universellen und ununterbrochenen Zugang zur Energieversorgung für alle zu gewährleisten und zum anderen Indiens Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zur Stromerzeugung deutlich zu reduzieren. In der mit 1,3 Milliarden Einwohnern größten Demokratie der Welt keine einfache Aufgabe. Das gilt vor allem vor dem Hintergrund, dass in ländlichen Gebieten Indiens etwa 300 Millionen Menschen immer noch keinen Zugang zur Stromversorgung aus einem zentralen Energienetz haben. Weitere Herausforderungen der Politik liegen in der Notwendigkeit, das Außenbilanzdefizit – maßgeblich verursacht durch den Import fossiler Brennstoffe – zu senken, die Luftqualität in den Ballungszentren zu verbessern und auch Maßnahmen gegen den globalen Klimawandel zu ergreifen.
Das prognostizierte Wirtschaftswachstum für das Jahr 2015 übertrifft mit mehr als 8 Prozent deutlich die Aussichten für China. Der Schlüssel zum nachhaltigen Wirtschaftswachstum ist und bleibt die Infrastruktur, insbesondere die Energieversorgung. Die Nachfrage nach Elektrizität wird in den nächsten Jahren also weiter steigen und es ist zu erwarten, dass der Bedarf allein in den nächsten zwölf Jahren um das Zweieinhalbfache zunehmen wird. Indien hat das Potenzial, bis zum Jahr 2035 der weltweit größte Verbraucher von elektrischer Energie zu werden. Bereits jetzt ist Indien der weltweit drittgrößte (nach Japan und Russland) Erzeuger von elektrischer Energie.
Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass man die Erneuerbaren Energien als einen maßgeblichen Lösungsansatz identifiziert hat. So hat die Regierung die vergleichsweise gigantische Zielvorgabe von 175 GW Kapazität bei den Erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2022 ausgegeben. Allein 12 GW sollen im Jahr 2016 hinzukommen. Von den geplanten 175 GW sollen 100 GW auf die Solarenergie, 60 GW auf die Windkraft, 10 GW auf die Biomasse und 5 GW auf die sog. „kleine Wasserkraft” (Projekte bis 25 MW) entfallen.
Die Erneuerbaren Energien in Indien: Eine betriebswirtschaftliche Analyse
Die generelle Entwicklung in Indien geht zu einer kontinuierlichen Verteuerung der Energie aus traditionellen, meist fossilen, Energiequellen. Die zusätzlichen Kosten sind vor allem auf die – zumindest mittelfristig – steigenden Brennstoffkosten, aber auch auf Transportkosten und Aufwendungen für die technische Instandhaltung älterer Kraftwerke zurückzuführen. All diese Faktoren spiegeln sich in Kalkulationen wider, die neuen langfristigen Stromverträgen zugrunde liegen.
Bei den Erneuerbaren Energien hingegen ist ein gegenläufiger Trend feststellbar: Beispielsweise generierten die im Bieterverfahren durch die öffentliche Hand versteigerten Tarife für Solarprojekte noch im Jahr 2009 Angebote in der Größenordnung von 20 Eurocent/kWh, wohingegen dieser Betrag 2015 – im Schnitt – auf unter 7 Eurocent/kWh fiel. Gründe hierfür sind vor allem die Kostenreduzierungen bei den Solarmodulen, aber auch Steigerungen in der Effizienz des Anlagenbetriebs. Die Zahlen sind durchaus mit den Tarifen aus konventionellen langfristigen Stromlieferungsverträgen vergleichbar, was wiederum bedeutet, dass sich die Erneuerbaren Energien in Indien zunehmend auf dem freien Markt behaupten können und nicht nur über staatliche Förderungen die Wettbewerbsfähigkeit erlangen. Daraus folgt unmittelbar die hohe Anzahl plausibler Geschäftsmodelle, die in Indien erfolgreich sein können und den betriebswirtschaftlichen Rahmen für die Projektentwicklung und zum Verkauf von Strom aus erneuerbaren Quellen bilden:
- Feed-in-Tarif: Der Projektentwickler unterzeichnet einen langfristigen Stromlieferungsvertrag mit festen Abnahmepreisen. Bei Solarprojekten werden die festen Abnahmepreise jeweils im Rahmen einer Auktion ermittelt.
- RECs: Das sind sog. „Renewable Energy Certificates”, die der Projektentwickler erhält, nachdem er seinen Output zu einem festgelegten Preis – meist an EVUs – verkauft hat. Die RECs können dann an einer Börse gehandelt werden. Überwiegend werden sie von Unternehmen erworben (z.B. Netzbetreiber), die sog. „Renewable Purchase Obligations” unterliegen.
- Open Access: Der Projektentwickler verkauft direkt an Endkunden. Der Preis ist frei verhandelt.
- Captive and Group Captive: Bei diesem Modell wird ein Projekt zum Eigengebrauch entwickelt und muss zumindest zu 26 Prozent dem Verbraucher oder den Verbrauchern gehören.
Flankierend greifen auch zahlreiche Förderinstrumente (sowohl auf Unions- als auch auf Bundesstaatenebene). Hier eine Auswahl:
- beschleunigte Abschreibung für Wind- und Solarprojekte bis jährlich 80 Prozent; diese Förderung wird wohl im Laufe des Jahres 2017 auslaufen,
- Einkommensteuerbefreiung für die ersten zehn Jahre des Betriebs; Minimum Alternative Tax wird u.U. fällig,
- GBIs oder „Generation Based Incentives” für Windprojekte i.H.v. 0,5 INR pro kWh,
- bevorzugte Behandlung beim „Open Access“ nach dem Electricity Act, 2003 und bei der Durchleitung.
Nichtsdestoweniger bestehen Probleme mit der Finanzierung der Projekte durch Banken. Bürgschaften der Konzernmutter sind häufig erforderlich, da Banken teilweise nicht in der Lage sind, die Risiken eines Projektes richtig zu bewerten. Ebenfalls sind in Indien Finanzierungen mit einer Laufzeit von mehr als zehn bis zwölf Jahre eher unüblich. Auf der anderen Seite ist die staatliche Rural Electrification Corporation nunmehr in der Finanzierung von Projekten tätig und bietet teilweise attraktive Konditionen an. Unter bestimmten Voraussetzungen können indische Gesellschaften auch zur Finanzierung von Projekten Obligationen in Rupien im Ausland ausgeben.
Chancen für deutsche Unternehmen
Chancen für deutsche Unternehmen liegen vor allem in der Größe des indischen Marktes und der Tatsache, dass die Erneuerbaren Energien in Indien noch eine vergleichbar junge Branche sind. Vielfach verfügen einheimische Unternehmen (noch) nicht über ausgereiftes technisches Know-how, das für die effiziente Errichtung und den zuverlässigen Betrieb von Anlagen erforderlich ist.
Zugleich lässt sich nicht verbergen, dass Indien kein ganz einfacher Markt ist. Eine gute Vorbereitung des Markteintritts ist daher kein Luxus, sondern eine grundlegende Voraussetzung. Sie beinhaltet neben der Zusammenstellung der einschlägigen Förderinstrumente auch die Auseinandersetzung mit praktischen Fragestellungen wie:
- Identifizierung von Standorten mit existierenden Projekten (die örtliche Verwaltung wird mit den einschlägigen Genehmigungsverfahren vertraut sein),
- mögliche Auswahl eines indischen Partners (wird möglicherweise den Umgang mit der „indischen Realität” erleichtern, kann aber auch zu Auseinandersetzungen führen, falls Kooperation nicht klar definiert),
- Beauftragung eines Beraters, der sowohl die gesetzlichen Rahmenbedingungen als auch die indische Praxis kennt.
Gut vorbereitete Investoren, die die genannten Voraussetzungen beachten, finden im indischen Markt eine sehr interessante Alternative.