Veröffentlicht am 24. Dezember 2022
Lesedauer ca. 6 Minuten

Energiewende „Made in India”: Die Erneuerbaren weiter auf dem Vormarsch

Tillmann Ruppert
Partner
Rechtsanwalt
Kontaktieren Sie uns:
Jetzt Kontakt aufnehmen
„In Indien ist alles größer.” Diese Aussage gilt auch für die kontinuierlich wachsende Energiebranche, die in der nahen Zukunft alle 1,3 Milliarden Bewohner des indischen Sub­kontinents mit Strom versorgen soll. Ein entscheidender Wachstumsmotor sind die Erneuerbaren Energien, die dem gut vorbereiteten Investor eine interessante Alternative zu den stagnierenden Märkten in Europa bieten.

Energieerzeugung in Indien: Ein Sektor im Wandel

Die indische Energiebranche unterliegt schon seit Jahren einem kon­ti­nu­ier­lichen Wandel, und das in einer Phase des extremen Wachstums der Kapazi­täten. Die indische Unions­regierung in New Delhi unter Premier­minister Modi versucht zum einen den uni­ver­sellen und un­unter­brochenen Zugang zur Energie­versorgung für alle zu gewähr­leisten und zum anderen Indiens Ab­hängig­keit von fossilen Brenn­stoffen zur Strom­erzeu­gung deutlich zu reduzieren. In der mit 1,3 Milliarden Einwohnern größten Demo­kratie der Welt keine einfache Aufgabe. Das gilt vor allem vor dem Hinter­grund, dass in ländlichen Gebieten Indiens etwa 300 Millionen Menschen immer noch keinen Zugang zur Strom­ver­sor­gung aus einem zentralen Energie­netz haben. Weitere Heraus­for­der­un­gen der Politik liegen in der Not­wendig­keit, das Außen­bilanz­defizit – maßgeblich verursacht durch den Import fossiler Brenn­stoffe – zu senken, die Luft­qualität in den Ballungs­zentren zu verbessern und auch Maß­nahmen gegen den globalen Klima­wandel zu ergreifen.

Das pro­gnos­tizierte Wirt­schafts­wachs­tum für das Jahr 2015 über­trifft mit mehr als 8 Prozent deutlich die Aussichten für China. Der Schlüssel zum nach­hal­tigen Wirt­schafts­wachs­tum ist und bleibt die Infra­struk­tur, insbesondere die Energie­ver­sorgung. Die Nachfrage nach Elektr­izität wird in den nächsten Jahren also weiter steigen und es ist zu erwarten, dass der Bedarf allein in den nächsten zwölf Jahren um das Zwei­ein­halb­fache zu­nehmen wird. Indien hat das Potenzial, bis zum Jahr 2035 der weltweit größte Ver­braucher von elek­trischer Energie zu werden. Bereits jetzt ist Indien der welt­weit dritt­größte (nach Japan und Russland) Erzeuger von elektrischer Energie.

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass man die Er­neuer­baren Energien als einen maß­ge­bli­chen Lösungs­ansatz identifiziert hat. So hat die Regierung die vergleichs­weise gi­gan­tische Ziel­vor­gabe von 175 GW Kapazität bei den Erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2022 ausgegeben. Allein 12 GW sollen im Jahr 2016 hin­zu­kommen. Von den geplanten 175 GW sollen 100 GW auf die Solar­energie, 60 GW auf die Wind­kraft, 10 GW auf die Bio­masse und 5 GW auf die sog. „kleine Wasser­kraft” (Projekte bis 25 MW) entfallen.

Die Er­neuer­baren Energien in Indien: Eine betriebs­wirt­schaft­liche Analyse

Die generelle Entwicklung in Indien geht zu einer kon­ti­nu­ier­lichen Ver­teuer­ung der Energie aus tra­di­ti­o­nellen, meist fossilen, Energie­quellen. Die zusätzlichen Kosten sind vor allem auf die – zumindest mittel­fristig – steigenden Brenn­stoff­kosten, aber auch auf Trans­port­kosten und Auf­wen­dungen für die technische In­stand­haltung älterer Kraft­werke zurück­zu­führen. All diese Faktoren spiegeln sich in Kal­ku­la­ti­onen wider, die neuen langfristigen Strom­verträgen zugrunde liegen.
Bei den Er­neuer­baren Energien hingegen ist ein gegen­läufiger Trend fests­tellbar: Bei­spiels­weise ge­ner­ier­ten die im Bieter­ver­fahren durch die öffentliche Hand ver­steigerten Tarife für Solar­pro­jekte noch im Jahr 2009 Angebote in der Größen­ordnung von 20 Eurocent/kWh, wohin­gegen dieser Betrag 2015 – im Schnitt – auf unter 7 Eurocent/kWh fiel. Gründe hierfür sind vor allem die Kosten­re­du­zie­rungen bei den Solarmodulen, aber auch Steigerungen in der Effizienz des Anlagenbetriebs. Die Zahlen sind durchaus mit den Tarifen aus kon­ven­ti­on­ellen lang­fristigen Strom­lie­fer­ungs­ver­trägen ver­­gleich­bar, was wiederum bedeutet, dass sich die Er­neuer­baren Energien in Indien zu­nehmend auf dem freien Markt be­haup­ten können und nicht nur über staat­liche För­derungen die Wett­be­werbs­fähig­keit erlangen. Daraus folgt un­mittel­bar die hohe Anzahl plausibler Geschäfts­modelle, die in Indien erfolgreich sein können und den betriebs­wirt­schaft­lichen Rahmen für die Pro­jekt­ent­wicklung und zum Verkauf von Strom aus erneuerbaren Quellen bilden:

  • Feed-in-Tarif: Der Projekt­entwickler unterzeichnet einen langfristigen Strom­lieferungs­vertrag mit festen Abnahme­preisen. Bei Solar­projekten werden die festen Abnahme­preise jeweils im Rahmen einer Auktion ermittelt.
  • RECs: Das sind sog. „Renewable Energy Certificates”, die der Projekt­entwickler erhält, nachdem er seinen Output zu einem fest­gelegten Preis – meist an EVUs – verkauft hat. Die RECs können dann an einer Börse gehandelt werden. Über­wiegend werden sie von Unter­nehmen erworben (z.B. Netzbetreiber), die sog. „Renewable Purchase Obligations” unterliegen.
  • Open Access: Der Projekt­entwickler verkauft direkt an End­kunden. Der Preis ist frei ver­handelt.
  • Captive and Group Captive: Bei diesem Modell wird ein Projekt zum Eigen­gebrauch entwickelt und muss zumindest zu 26 Prozent dem Verbraucher oder den Verbrauchern gehören.

Flankierend greifen auch zahlreiche Förder­instrumente (sowohl auf Unions- als auch auf Bundes­staat­en­ebene). Hier eine Auswahl:

  • beschleunigte Abschreibung für Wind- und Solar­projekte bis jährlich 80 Prozent; diese Förderung wird wohl im Laufe des Jahres 2017 auslaufen,
  • Ein­kommen­steuer­befreiung für die ersten zehn Jahre des Betriebs; Minimum Alternative Tax wird u.U. fällig,
  • GBIs oder „Generation Based Incentives” für Windprojekte i.H.v. 0,5 INR pro kWh,
  • bevorzugte Behandlung beim „Open Access“ nach dem Electricity Act, 2003 und bei der Durchleitung.

Nichts­desto­weniger bestehen Probleme mit der Finanzierung der Projekte durch Banken. Bürg­schaften der Konzern­mutter sind häufig erforderlich, da Banken teilweise nicht in der Lage sind, die Risiken eines Projektes richtig zu bewerten. Ebenfalls sind in Indien Finan­zierungen mit einer Lauf­zeit von mehr als zehn bis zwölf Jahre eher unüblich. Auf der anderen Seite ist die staat­liche Rural Electrification Corporation nunmehr in der Finanzierung von Projekten tätig und bietet teilweise attraktive Konditionen an. Unter bestimmten Voraus­setzungen können indische Gesell­schaften auch zur Finanzierung von Projekten Obligationen in Rupien im Ausland ausgeben.

Chancen für deutsche Unternehmen

Chancen für deutsche Unter­nehmen liegen vor allem in der Größe des indischen Marktes und der Tat­sache, dass die Erneuerbaren Energien in Indien noch eine vergleichbar junge Branche sind. Vielfach verfügen ein­hei­mische Unter­nehmen (noch) nicht über ausgereiftes technisches Know-how, das für die effiziente Errichtung und den zu­ver­lässigen Betrieb von Anlagen erforderlich ist.

Zugleich lässt sich nicht verbergen, dass Indien kein ganz einfacher Markt ist. Eine gute Vor­be­rei­tung des Markt­eintritts ist daher kein Luxus, sondern eine grund­legende Voraus­setzung. Sie beinhaltet neben der Zusammen­stellung der ein­schlä­gi­gen Förder­instrumente auch die Aus­einander­setzung mit praktischen Fragestellungen wie:

  • Identifizierung von Standorten mit existierenden Projekten (die örtliche Verwaltung wird mit den ein­schlägigen Genehmi­gungs­ver­fahren vertraut sein),
  • mögliche Auswahl eines indischen Partners (wird möglicher­weise den Umgang mit der „indischen Realität” erleichtern, kann aber auch zu Auseinander­setzungen führen, falls Kooperation nicht klar definiert),
  • Beauftragung eines Beraters, der sowohl die gesetzlichen Rahmenbedingungen als auch die indische Praxis kennt.

Gut vorbereitete Investoren, die die genannten Voraussetzungen beachten, finden im indischen Markt eine sehr interessante Alternative.