Teil 1: Ergebnisse des Fernwärme-Benchmarkings 2025 – Dekarbonisierung, Energieträgerstruktur und Preisentwicklung
- EE-Anteil steigt auf 37% – Dekarbonisierung bleibt jedoch uneinheitlich.
- Wärmepreise stabilisieren sich, Preisunterschiede bleiben hoch.
- Hoher EE-Anteil senkt langfristig Kosten und Preisrisiken.
Die Analyse macht deutlich: Die Branche bewegt sich gleichzeitig in zwei Geschwindigkeiten – einerseits mit sichtbaren Fortschritten bei Erneuerbaren Energien, andererseits mit einer großen Gruppe von Versorgern, die noch am Anfang der Dekarbonisierung stehen.
→ Hier lesen Sie Teil 1 von 2. Finden Sie hier Teil 2 des Fernwärme-Benchmarkings 2025 zur Preisgestaltung im Wandel.
Energieträgerstruktur: Erdgas bleibt prägend – trotz wachsender Investitionen in Erneuerbare
Die Auswertung der Erzeugungsstrukturen zeigt ein klares Bild: Erdgas dominiert weiterhin die Wärmeerzeugung. In mehr als der Hälfte der teilnehmenden Netze liegt der Erdgasanteil bei über 90%, im Durchschnitt bei über 70%. Biomasse bildet den zweitwichtigsten Energieträger, wird jedoch je nach Netzgröße und regionalen Gegebenheiten sehr unterschiedlich eingesetzt.
Gleichzeitig lässt sich ein langfristiger Trend erkennen: Der Anteil erneuerbarer Energien steigt kontinuierlich. Von 20% im Jahr 2020 auf 37% im Datenjahr 2024 – ein beachtlicher Fortschritt. Doch die Verteilung innerhalb der Branche ist stark polarisiert:
- Die größte Gruppe der Versorger weist einen EE‑Anteil von unter 5% auf.
- Die zweitgrößte Gruppe liegt über 75%.
Diese Spreizung zeigt, dass die Transformation zwar begonnen hat, aber keineswegs flächendeckend umgesetzt wird. Besonders kritisch: Nur ein vergleichsweise kleiner Teil der untersuchten Netze erreicht bereits heute die im Wärmeplanungsgesetz für das Jahr 2030 vorgesehene Zielgröße von 30% erneuerbaren Energien oder unvermeidbarer Abwärme. Für viele Unternehmen bedeutet dies, dass die kommenden Jahre erhebliche Investitions- und Transformationsanstrengungen erfordern.
Wärmemischpreise: Erste Entspannung, aber weiterhin strukturelle Herausforderungen
Nach Jahren deutlicher Preissteigerungen zeigt das Datenjahr 2024 erstmals eine leichte Entlastung. Der durchschnittliche Wärmemischpreis sinkt im Vergleich zum Vorjahr von 172. Der nahezu unveränderte Median deutet darauf hin, dass insbesondere die extremen Ausreißerwerte zurückgegangen sind.
Die wesentlichen Treiber dieser Entwicklung sind:
- Rückläufige Erdgasbeschaffungskosten,
- eine beginnende Marktberuhigung,
- eine Verringerung der extremen Ausreißerwerte.
Gleichzeitig bleibt die Preisstreuung hoch. Kleinere Netze zahlen im Verhältnis deutlich höhere spezifische Erdgaskosten als große Versorger – ein strukturelles Problem, das sich auch in den Endkundenpreisen widerspiegelt.

Abbildung 1: Verteilung und Entwicklung der Wärmemischpreise der teilnehmenden Versorger
Auswirkung Erneuerbarer Energien auf den Wärmepreis
Die Gegenüberstellung von Erzeugungsstruktur und Preisentwicklung zeigt, dass ein hoher Anteil erneuerbarer Energien langfristig preisdämpfend wirkt. Besonders deutlich zeigt sich dies in den Kategorien mit einem EE‑Anteil zwischen 75% und 100%. Diese Versorger verzeichneten sowohl im Datenjahr 2023 als auch 2024 die niedrigsten durchschnittlichen Wärmemischpreise. Netze mit fortgeschrittener Dekarbonisierung profitieren somit strukturell von niedrigeren variablen Kosten und sind weniger abhängig von der Volatilität fossiler Energiepreise.
Der Vergleich der beiden Datenjahre zeigt zudem, dass in der Mehrheit der Kategorien ein Preisrückgang zu beobachten ist. Diese Entwicklung bestätigt die beginnende Marktberuhigung nach den extremen Ausschlägen der Energiekrise. Allerdings gibt es zwei bemerkenswerte Ausnahmen: die Kategorien 2 und 5. Während die Gründe für die Preisentwicklung in Kategorie 2 eher netzspezifisch sind, lässt sich der Preisanstieg in Kategorie 5 wohl auf einen systemischen Faktor zurückführen – das in der aktuellen Fassung der AVBFernwärmeV verankerte Marktelement.

Abbildung 2: Wärmemischpreis in Abhängigkeit des EE-Anteils nach Kategorien im Jahresvergleich 2023/2024
Dieses Marktelement verpflichtet Versorger dazu, die Preisverhältnisse des Wärmemarkts – der weiterhin überwiegend auf fossilen Energieträgern basiert – in ihren Preisänderungsklauseln zu berücksichtigen. Für Versorger mit hohem EE‑Anteil bedeutet dies, dass sie trotz strukturell günstigerer Kostenbasis an Preissenkungen gehindert werden. Der Mechanismus koppelt die Preisentwicklung also an einen fossilen Referenzmarkt, der mit der tatsächlichen Kostenstruktur vieler dekarbonisierter Netze nur noch begrenzt korreliert.
Besonders deutlich wird diese Verzerrung beim Blick auf den aktuell rechtlich empfohlenen Wärmepreisindex. Dieser Index erreichte im Jahr 2024 einen Höchstwert und entfaltete damit einen preistreibenden Effekt – unabhängig davon, ob ein Versorger tatsächlich fossile Energieträger einsetzt oder nicht. Für Unternehmen mit hohem EE‑Anteil führt dies zu einer paradoxen Situation: Obwohl ihre Erzeugungskosten sinken oder stabil bleiben, zwingt das Marktelement sie zu höheren Preisen, als es ihre reale Kostenstruktur nahelegen würde.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Diskussion um eine Reform der AVBFernwärmeV weiter an Bedeutung. Der im Referentenentwurf enthaltene Vorschlag, den Wärmepreisindex im parlamentarischen Verfahren zu streichen, könnte ein wichtiger Schritt sein, um die Vorteile erneuerbarer Energien künftig transparenter und marktgerechter abzubilden.
Gleichzeitig darf nicht übersehen werden, dass die Transformation selbst erhebliche Investitionen erfordert. Die Benchmarking‑Ergebnisse zeigen, dass die Ausgaben für Dekarbonisierung in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sind. Diese Investitionstätigkeit wirkt sich kurz‑ und mittelfristig unmittelbar auf die Preis‑ und Tarifgestaltung aus. Während Erneuerbare Energien langfristig zu niedrigeren Wärmepreisen führen, erhöhen die notwendigen Investitionen zunächst den Fixkostenanteil – ein Aspekt, der in der wirtschaftlichen Betrachtung der kommenden Jahre eine zentrale Rolle spielen wird.
Fazit und Ausblick: Transformation sichtbar – aber wirtschaftliche Tragfähigkeit bleibt die zentrale Herausforderung
Das Fernwärme‑Benchmarking 2025 zeigt, dass sich die Branche mit sehr unterschiedlichen Geschwindigkeiten in Richtung Dekarbonisierung bewegt. Während einige Versorger bereits heute von niedrigen Wärmegestehungskosten profitieren, steht ein großer Teil der Branche noch vor grundlegenden Transformationsschritten.
Für Fernwärmeversorger bedeutet dies:
- Die Erzeugungsstruktur wird zunehmend zum strategischen Wettbewerbsfaktor.
- Frühzeitige Investitionen in Erneuerbare Energien zahlen sich langfristig aus – sowohl wirtschaftlich als auch regulatorisch.
- Die kommenden Jahre entscheiden darüber, ob die Zielmarken des WPG 2030 erreichbar sind.
Gleichzeitig wird deutlich, dass die technische Transformation untrennbar mit einer wirtschaftlichen Transformation verbunden ist. Wie sich die veränderte Kostenstruktur auf Grund‑ und Arbeitspreise auswirkt und warum viele Versorger ihre Preissystematik neu ausrichten müssen, beleuchtet Teil 2 dieser Reihe im nächsten Stadtwerke Kompass.
Hinweis: Start der neuen Benchmarking‑Runde
Die nächste Runde des RÖDL Fernwärme‑Benchmarkings startet in Kürze. Alle Fernwärmeversorger sind herzlich eingeladen, daran teilzunehmen.
Das anonyme Benchmarking bietet Ihnen:
- eine belastbare Einordnung Ihrer wirtschaftlichen und technischen Kennzahlen,
- eine fundierte Bewertung Ihrer Preisgestaltung,
- eine klare Positionierung im Marktumfeld,
- wertvolle Impulse für strategische Entscheidungen im Transformationsprozess.
Weitere Informationen finden Sie auf: Benchmarking in der Fernwärme | RÖDL
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