Veröffentlicht am 25. Juni 2026
Lesedauer ca. 5 Minuten

Türkei: Erneuerbare Energien: Chancen für Investoren in einem dynamischen Marktumfeld

  • Türkei wird zum Wachstumsmarkt für erneuerbare Energien
  • Roadmap 2035, YEKA und YEKDEM setzen neue Investitionsimpuls
  • Speicher und Eigenverbrauch werden für Industrieprojekte wichtiger
  • Rechtliche Strukturierung bleibt für Investoren entscheidend
Gökhan Demirel
Manager
Rechtsanwalt
T +90 (212) 310 14 33
Hidir Altinok
Senior Associate
Dipl.-Ing. (FH) Versorgungstechnik, M.Sc. Renewable Energy Systems
Die Türkei, ein wichtiger Wirtschaftspartner Deutschlands und der EU, befindet sich in einem tiefgreifenden energiepolitischen Wandel. Steigender Energiebedarf, volatile Preise, neue Klima- und Effizienzvorgaben sowie der Ausbau erneuerbarer Energien erhöhen die strategische Bedeutung des Energiemarktes. Mit Blick auf Dekarbonisierung, Investitionen in Energie und Infrastruktur sowie die UN-Klimakonferenz COP31 2026 in Antalya beleuchten wir aktuelle Entwicklungen, regulatorische Veränderungen und Chancen für Investoren.

Die türkischen regulatorischen Rahmenbedingungen für Klima und Energie entwickeln sich derzeit sehr dynamisch. Ausschlaggebend hierfür sind internationale Verpflichtungen, wachsende Anforderungen wichtiger Handelspartner sowie nationale energie- und wirtschaftspolitische Zielsetzungen.

Für Unternehmen führen diese Entwicklungen zu erweiterten Anforderungen in den Bereichen Klima- und Energieeffizienz. Gleichzeitig eröffnen sich für deutsche und internationale Unternehmen sowie Investoren aber auch viele neue Marktchancen.

Klimawandel als zusätzlicher Impuls für die Energiewende

Die Auswirkungen des Klimawandels sind auch in der Türkei zunehmend spürbar. Hitzewellen, Wasserknappheit, Waldbrandrisiken und Starkregenereignisse stellen Unternehmen, Infrastruktur und Energieversorgung vor neue Herausforderungen.

Für die türkische Wirtschaft bedeutet dies jedoch nicht nur zusätzlichen Anpassungsdruck. Zugleich verstärkt sich die Notwendigkeit, Energieversorgung, Produktionsprozesse und Lieferketten langfristig widerstandsfähiger und nachhaltiger auszurichten. Besonders exportorientierte Unternehmen müssen Klimarisiken, steigende Energiekosten und europäische Dekarbonisierungsanforderungen heute stärker in ihre strategischen Entscheidungen einbeziehen.

Damit wird der Ausbau erneuerbarer Energien zu einem zentralen Baustein der wirtschaftlichen Transformation. Solar- und Windenergie können dazu beitragen, die Versorgungssicherheit zu stärken, die Abhängigkeit von fossilen Energieimporten zu verringern und neue Investitionsmöglichkeiten für nationale und internationale Marktteilnehmer zu eröffnen.

Türkische Regulatorik im Wandel

Mit der Ratifizierung des Pariser Klimaabkommens im Jahr 2021 und dem Ziel der Klimaneutralität bis 2053 hat die Türkei den politischen Rahmen für ihre langfristige Dekarbonisierungsstrategie gesetzt. Gleichzeitig werden institutionelle Strukturen gestärkt, unter anderem durch die Erweiterung des Umwelt- und Stadtplanungsministeriums um spezifische Zuständigkeiten im Klimaschutz. Die bevorstehende COP31 in Antalya, um deren Ausrichtung sich die Türkei beworben hat, verleiht diesen Verpflichtungen zusätzliche internationale Sichtbarkeit und Dynamik. Auch wurden individuelle Dekarbonisierungsziele für CO₂-intensive Industrien aufgestellt:

Grafik 1: Dekarbonisierungsziele nach Industrien bis 2053¹

Folgende Übersicht liefert einen Einblick in die aktuelle Energie- und Klima-Strategie der Türkei.

Climate Change Mitigation Strategy
& Action Plan 2024-2030¹
  • Ziel: Reduktion der CO₂-Emissionen um 41 % bis 2030
  • Langfristiger Rahmen: Klimaneutralität bis 2053
  • Umfang: 49 Strategien und 260 Maßnahmen zur Emissionsminderung
  • Kernmaßnahmen: Steigerung der Energieeffizienz, Einsatz von grünem Wasserstoff sowie Ausbau von Carbon Capture, Utilisation and Storage (CCUS)
  • Vorbereitung und schrittweise Umsetzung eines nationalen Emissionshandelssystems (ETS), das CO₂-Emissionen künftig als Kostenfaktor abbildet
    und perspektivisch eine Annäherung an das EU-ETS ermöglicht
Renewable Energy Roadmap 2035 Ziel: Vervierfachung der installierten Wind- und Solarleistung bis 2035 auf insgesamt 120 GW Ausgangspunkt: rund 30 GW installierte Wind- und Solarleistung

  • Inbetriebnahme von mindestens 7.500 – 8.000 MW installierter Leistung pro Jahr²
  • Fokus: Beschleunigung von Genehmigungsprozessen, Ausbau der Netzinfrastruktur und stärkere Einbindung privater Investitionen
  • (Ausschreibungen großskaliger Projekte)
YEKA-Programm
  • Ziel: jährliche Ausschreibung von mindestens 2.000 MW zusätzlicher Wind- und Solarkapazität
  • 2025: 16 YEKA-Auktionen (Bereitstellung von Netzanschlusskapazitäten für Wind- und Solaranlagen) verkündet: 850 MW für PV-Anlagen (erstmals ist die Umsetzung eines Floating PV Anlageprojekts vorgesehen), 1150 MW für Windkraftanlagen
YEKDEM-System
  • Fördermechanismus für Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen
  • Feste Abnahmegarantien und Einspeisevergütungen für Betreiber förderfähiger Anlagen
  • Förderzeitraum grundsätzlich für YEK-zertifizierte Anlagen,
    die zwischen dem 1.7.2021 und dem 31.12.2030 in Betrieb genommen werden
    Laufzeit der Abnahmegarantie: grundsätzlich 10 Jahre, vorbehaltlich
    technologiebasierter Sonderregelungen Zusätzliche Vergütung für den Einsatz von inländischen Komponenten

 

Speichertechnologien und rechtliche Strukturierung
  • Batteriespeichersysteme gewinnen neben Wind- und Solarenergie zunehmend an Bedeutung. Sie erleichtern die Integration schwankender erneuerbarer Energien in das Stromnetz, erhöhen die Versorgungssicherheit und können industrielle Eigenverbrauchsmodelle wirtschaftlich attraktiver machen.
  • Für Investoren ist eine sorgfältige rechtliche Strukturierung entscheidend. Je nach Projektmodell ist zu prüfen, ob eine lizenzierte Stromerzeugung oder eine lizenzfreie Erzeugung, insbesondere für Eigenverbrauchsmodelle, in Betracht kommt.
  • Netzanschlusskapazität, Grundstücks- und Nutzungsrechte, Umweltgenehmigungen, technische Anforderungen sowie Projekt-, Bau- und Betriebsverträge sollten frühzeitig aufeinander abgestimmt werden
Nachhaltigkeits-Reporting (TSRS)³ ⁴
  • Seit 2024 verpflichtend für bestimmte größere Unternehmen
  • Aktuelle Schwellenwerte: Überschreitung von mindestens zwei der folgenden drei Kriterien über zwei aufeinanderfolgende Berichtsperioden:

– Bilanzsumme: 1 Mrd. TRY
– Jahresnettoumsatzerlöse: 2 Mrd. TRY
– Durchschnittliche Beschäftigtenzahl: 500 Mitarbeitende

  • Orientierung an internationalen Standards insbesondere IFRS S1 und IFRS S2
  • Fokus auf Transparenz in Bezug auf Emissionen, Risiken und Nachhaltigkeitsmaßnahmen
Klimagesetz 2025⁵
  • Erstes umfassendes Klimagesetz der Türkei; im Juli 2025 verabschiedet und in der Handelsregisterzeitung veröffentlicht
  • Schafft die rechtliche Grundlage für ein nationales Emissionshandelssystem
  • Aufbau institutioneller Steuerungsstrukturen für Klimapolitik, ETS, SKDM und nationale Kohlenstoffmärkte
  • Sieht die gezielte Verwendung von Einnahmen für Klimaschutz, industrielle Transformation und soziale Ausgleichsmaßnahmen vor

Förderprogramme

Um den Ausbau erneuerbarer Energien und die grüne Transformation der Industrie zu beschleunigen, setzt die Türkei verschiedene Förder- und Anreizmechanismen ein. Diese können Unternehmen beispielsweise bei Investitionen in Solaranlagen, Windenergieprojekte, Batteriespeicher, energieeffiziente Maschinen oder die Modernisierung energieintensiver Produktionsprozesse unterstützen.

Je nach Projekt können solche Instrumente unterschiedliche Formen annehmen, etwa Investitionszuschüsse, Steuer- und Zollvorteile, Einspeisevergütungen, Abnahmegarantien oder die Zuteilung von Netzanschlusskapazitäten im Rahmen von Ausschreibungen.

Für Unternehmen können diese Maßnahmen dazu beitragen, Investitionskosten zu senken, Energiekosten besser planbar zu machen und die CO₂-Intensität der Produktion zu reduzieren.

Damit werden Förderprogramme nicht nur zu einem klimapolitischen Instrument, sondern auch zu einem wichtigen wirtschaftlichen Faktor für Investoren, Projektentwickler und exportorientierte Industrieunternehmen

Europäische Anforderungen und strategische Energiepartnerschaft

Für europäische Unternehmen gewinnt die Zusammenarbeit mit verlässlichen Energie- und Produktionspartnern zunehmend an Bedeutung. Die Türkei kann aufgrund ihrer geografischen Nähe, ihrer engen wirtschaftlichen Verflechtung mit der EU und ihres Potenzials im Bereich erneuerbarer Energien eine wichtige Rolle einnehmen.

Vor diesem Hintergrund entsteht für die Türkei nicht nur Anpassungsdruck, sondern auch die Chance, sich als strategischer Standort für erneuerbare Energien, industrielle Produktion und grüne Wertschöpfungsketten zu positionieren. Für exportorientierte Unternehmen werden CO₂-Transparenz, erneuerbare Energieversorgung und energieeffiziente Produktionsprozesse damit zunehmend zu Wettbewerbsfaktoren im europäischen Markt.

Fazit

Die Türkei befindet sich derzeit in einer Phase intensiver regulatorischer Anpassungen im Bereich der Stromerzeugung. Mit dem Beschluss der EPDK vom 26. Februar 2026 wurden für lizenzfreie Wind- und Solarprojekte zusätzliche Netzanschlusskapazitäten eröffnet. Zugleich zeigen die jüngsten Entwicklungen im Bereich der lizenzfreien Stromerzeugung und integrierter Speicherlösungen, dass das Zusammenspiel von erneuerbarer Stromerzeugung, Eigenverbrauch und Energiespeicherung künftig weiter gestärkt werden soll. Damit wird deutlich, dass erneuerbare Energien in der Türkei nicht nur regulatorisch, sondern auch wirtschaftlich zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Wir bei RÖDL unterstützen Unternehmen dabei, maßgeschneiderte Dekarbonisierungsstrategien zu entwickeln und regulatorische sowie förderrechtliche Fragestellungen in der Türkei und im internationalen Kontext effektiv zu adressieren.

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Quellen:

UNFCCC – Türkiye 2053 – Long Term Climate Strategy
2 T.C. Enerji ve Tabii Kaynaklar Bakanlığı – Enerji Dönüşümü: Yenilenebilir Enerji 2035
3 https://www.gtai.de/de/trade/tuerkei/recht/nachhaltigkeitsberichterstattung-in-der-tuerkei-1917566
TSRS – Turkish Sustainability Reporting Standards | RÖDL
ICAP: Türkiye adopts landmark climate law