ESG-Berichterstattung in China: Neue Leitlinien für mehr Transparenz
Im Bestreben, die Nachhaltigkeitsleistung der Unternehmen zu verbessern, haben Chinas Börsen in Shanghai, Shenzhen und Peking im April 2024 neue Leitlinien zur Nachhaltigkeitsberichterstattung veröffentlicht. Diese Leitlinien basieren auf internationalen Standards und zielen darauf ab, die Transparenz und Vergleichbarkeit von Unternehmensinformationen zu erhöhen und betreffen börsennotierte Unternehmen sowie umweltintensive Branchen und gelten erstmals für das Geschäftsjahr 2025. Im Mai 2024 veröffentlichte das chinesische Finanzministerium eine Resolution mit dem Titel „Corporate Sustainability Disclosure Guidelines – Basic Guidelines (Exposure Draft for public comment now)”, die ebenfalls auf derselben Grundlage basieren.
Das übergeordnete Ziel besteht darin, ein System nachhaltiger Offenlegungsstandards mit chinesischen Merkmalen einzuführen. Bis 2027 will die Volksrepublik grundlegende Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen und klimabezogene Offenlegungsstandards einführen. Bis 2030 soll ein einheitliches nationales System nachhaltiger Offenlegungsstandards etabliert sein. Die Umsetzung dieser Standards wird schrittweise erfolgen. Sie beginnt zuerst mit börsennotierten Unternehmen und setzt sich anschließend bei nicht börsennotierten Unternehmen fort. Hier erfolgt die die Reihenfolge von zuerst großen, dann mittleren und kleinen Unternehmen. Die Offenlegung erfolgt zunächst auf freiwilliger Basis und wird später verpflichtend.
Während des gesamten Entwicklungszyklus des Standardsystems können die zuständigen Abteilungen je nach Bedarf zunächst Offenlegungsrichtlinien für bestimmte Branchen oder Bereiche formulieren.
Die veröffentlichten Leitlinien sind ein wichtiger Schritt hin zu einer nachhaltigeren chinesischen Wirtschaft und eröffnen ausländischen Unternehmen neue Möglichkeiten, indem sie zu verantwortungsvollen Investitionen und zu einer nachhaltigen Unternehmensführung anleiten.
Was muss berichtet werden?
Die veröffentlichten Guidelines des Finanzministeriums bestehen aus 33 Artikeln, die in 6 Kapitel zusammengefasst sind und 21 wesentliche Themen aus den Bereichen Umwelt, Soziales und Corporate Governance (ESG) abdecken.
Dazu gehören unter anderem:
- (E) Klimaschutz, Ressourcennutzung und Kreislaufwirtschaft
- (S) Arbeitsbedingungen, Menschenrechte
- (G) Corporate Governance-Systeme, Antikorruption und Risikomanagement
Fokus auf doppelte Materialität
Die Richtlinien betonen die Bedeutung der doppelten Wesentlichkeit, was bedeutet, dass sowohl die finanzielle Wesentlichkeit als auch die Wesentlichkeit der Auswirkungen in den Leitlinien berücksichtigt wird. Unternehmen müssen die kurz-, mittel- und langfristigen Effekte unter anderem auf ihr Geschäftsmodell, den Cashflow, die finanzielle Lage sowie die Auswirkungen auf das operative Ergebnis bewerten (Finanzielle Wesentlichkeit – Financial Materiality) analysieren. Im Falle der nichtfinanziellen Wesentlichkeit (Wesentlichkeit der Auswirkungen – Impact Materiality) müssen Unternehmen die wesentlichen Auswirkungen der Themen auf die Umwelt und Gesellschaft überprüfen und offenlegen. Zusätzlich müssen Unternehmen erläutern, wie die Wesentlichkeitsanalyse durchgeführt wurde.
Ist ein offenzulegendes Thema von rein finanzieller Bedeutung für das Unternehmen, muss die Analyse auf Basis folgender 4 Punkte offengelegt werden: Unternehmensführung; Strategie; Management von Risiken und Chancen im Bereich der Nachhaltigkeit; sowie Kennzahlen und Zielvorgaben.
Spezifische chinesische Themen
Die Leitlinien zur Nachhaltigkeitsberichterstattung integrieren einige spezifische Themen die relevant für Chinas Entwicklung sind. Ein besonderer Fokus liegt auf den sozialen Themen „Revitalisierung des ländlichen Raums“, „Innovationsgetriebene Entwicklung“ sowie „Ethik in der Wissenschaft und Technologie“. Diese Punkte sind nicht gänzlich neu, finden sie sich in abgewandelter Form z.B. in der GRI wieder.
Chancen und Herausforderung für die Prüfung
In Kapitel 3 der Leitlinien wird ausdrücklich gefordert, dass die Unternehmen nachhaltige Informationen offenlegen, die zuverlässig sind und die wesentlichen Nachhaltigkeitsrisiken, -chancen und -auswirkungen genau widerspiegeln. Dadurch soll sichergestellt werden, dass die Nachhaltigkeitsinformationen vollständig, neutral und genau sind.
Es ist jedoch noch nicht festgelegt, ob diese Informationen einer Prüfung unterzogen werden sollen, während die Stakeholder möglicherweise verlangen, dass diese Offenlegungen von einer unabhängigen dritten Partei bestätigt werden. Dies wird neue Möglichkeiten und Herausforderungen für die Rechnungsprüfung mit sich bringen. Wirtschaftsprüfer werden ihre beruflichen Fähigkeiten rechtzeitig anpassen und verbessern müssen, um den neuen Prüfungsanforderungen gerecht zu werden. Nur so können sie Unternehmen helfen, in einem dynamischen Markt und unter strengen Compliance-Anforderungen langfristig erfolgreich zu sein und sich nachhaltig zu entwickeln.
In den Leitlinien wird ausdrücklich eine Frist für die Offenlegung von Nachhaltigkeitsinformationen gefordert, die mit der des Jahresabschlusses zusammenfallen sollte. Die Angleichung dieser Fristen kann den Stakeholdern einen umfassenden Überblick über die Gesamtleistung des Unternehmens verschaffen. Diese Praxis ist auch international üblich.
Fazit
Die neuen Leitlinien markieren einen Wendepunkt hin zu einer transparenteren und nachhaltigeren Wirtschaft in China. Sie bieten deutschen Unternehmen nicht nur die Möglichkeit, ihre Nachhaltigkeitsleistung zu steigern, sondern auch ihre Marktposition zu festigen. Durch die Anwendung dieser Leitlinien können Unternehmen ihre Reputation verbessern, Zugang zu nachhaltigkeitsorientierten Investoren erhalten und Innovationen vorantreiben. Die Transformation zu einem nachhaltigen Geschäftsmodell kann dazu beitragen, neue Märkte zu erschließen und langfristigen Erfolg durch verantwortungsvolle Geschäftspraktiken zu sichern. Trotz der Herausforderungen eines dynamischen Marktes und strenger Compliance-Anforderungen, überwiegen die Chancen für eine zukunftsfähige Positionierung im chinesischen Markt.
Deutsche Unternehmen sind gut beraten, diese Entwicklung frühzeitig zu nutzen, um sich einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil zu sichern.