Europa im Wandel: Entwicklungen in Spanien und Italien
- Aus dem Wirtschaftsmagazin "Entrepreneur", Ausgabe 2026
Europa steht vor tiefgreifenden Strukturwandelprozessen, in denen grüner Umbau, Digitalisierung und geopolitische Neuordnung die wirtschaftlichen Leitplanken definieren. Die Entwicklung Spaniens und Italiens wird langfristig durch die europäische Industriepolitik, globale Wettbewerbsdynamiken und technologische Transformation geprägt werden. Europäische Strategierahmen wie der Green Deal, der Net Zero Industry Act und der Clean Industrial Deal zeichnen die Leitlinien für die Transformation der beiden Volkswirtschaften vor, speziell in der Digitalisierung und im Energiesektor.
Spanien: Aufstieg durch Digitalisierung und Energie
Spanien verzeichnet nach Angaben der EU Kommission ein anhaltend solides Wachstum. Gleichzeitig verschiebt sich die Wirtschaftsstruktur in Richtung wertschöpfungsintensiver Dienstleistungen wie Finanzwesen, In formations- und Kommunikationstechnologien oder professionelle Dienstleistungen. Projektionen zeigen, dass Spanien seine Position als eine der größten Volkswirtschaften Europas behaupten wird. Laut einer Studie des Centre for Economics and Business Research soll Spanien bis 2040 weltweit Platz 12 im BIP Ranking halten und ein Bruttoinlandsprodukt von etwa 3,37 Billionen US-Dollar erreichen. Die strukturelle Aufwertung der Dienstleistungswirtschaft, besonders im Bereich hochproduktiver digitaler und professioneller Services, wird dabei in Zukunft eine zentrale Rolle spielen.
Italien: Industriestärke im Wandel
Italien startet von einer starken industriellen Basis aus. Das Wachstumsniveau ist niedriger als in Spanien, bewegt sich aber stabil, angetrieben durch Investitionen – insbesondere jene, die über die europäischen Wiederaufbaufonds (Recovery and Resilience Facility – RRF) finanziert werden. Die Industrie Italiens bleibt laut Confindustria langfristig das diversifizierteste Produktionsökosystem Europas, vor allem in den Bereichen Maschinenbau, Pharma, Chemie und Hightech Fertigung. Auch die Bereiche Mode, Möbel und Design sowie Food & Beverage sind und bleiben Aushängeschilder Italiens. Das Land steht allerdings vor dem strukturellen Risiko einer alternden Bevölkerung. Der IWF weist darauf hin, dass die demografische Entwicklung bis 2050 große Auswirkungen auf Produktivität und Arbeitskräfteangebot haben dürfte. Das eröffnet zugleich Chancen für Automatisierung, KI Systeme und robotergestützte Produktion, die in Italien schon heute stark gefragt sind.
EU-Fördermittel für Wachstum
Beide Länder profitieren massiv von EU-Mitteln: Spanien erhält im Rahmen der Kohäsionspolitik 2021 bis 2027 rund 37,3 Milliarden Euro für die grüne Transformation, Innovation sowie das Wachstum kleiner und mittlerer Unternehmen. Darüber hinaus stehen Spanien im Rahmen der Recovery and Resilience Facility (RRF), dem zentralen Finanzierungsinstrument des EU-Programms NextGenerationEU, insgesamt bis zu 163 Milliarden Euro an Zuschüssen und Krediten zur Verfügung. Ein erheblicher Teil dieser Mittel ist bereits bewilligt und ausgezahlt, was spürbare Investitionsimpulse setzt und die wirtschaftliche Dynamik in zentralen Zukunftsbereichen stärkt.
Italien wiederum allokiert über den National Recovery and Resilience-Plan 191,5 Milliarden Euro für strategische Wertschöpfungsketten, darunter Wasserstoff, Mikroelektronik, Automotive und Energie, wovon Italien bis Ende 2025 schon 153,2 Milliarden Euro erhalten hat. Die zielgerichtete Verwendung dieser Mittel stärkt in beiden Ländern die Modernisierung der Wirtschaft und fördert die langfristige Wettbewerbsfähigkeit im europäischen Vergleich.
Grüne Industriepolitik und Investitionsdruck
EU-weit entsteht durch die klimapolitischen Vorgaben ein beispielloser Investitionsdruck. Die EU plant bis 2050 eine vollständig klimaneutrale Industrie, die Schlüsseltechnologien wie Photovoltaik, Batterien, Wasserstoff, Carbon Capture Systeme und Halbleiterproduktion ausbaut und europäisch absichert. Das wird unterstützt durch den 2025 vorgestellten Clean Industrial Deal, der ein wettbewerbsfähiges Umfeld für saubere Industrieproduktion schafft und Investitionen in energieintensive Branchen unterstützt. Das Programm unterstreicht, wie stark die europäische Energie und Technologiepolitik die wirtschaftlichen Perspektiven Spaniens und Italiens bis 2040 prägen wird.
Spaniens Vorteil: Energie und Daten als Standortfaktor
Für Spanien eröffnet die Energiewirtschaft langfristig große Chancen. Dank eines hohen Anteils erneuerbarer Energien entsteht ein Standortvorteil für energieintensive Industrien wie Metallurgie, Chemie und Rechenzentren: 2024 stammten bereits 56,8 Prozent des Strommixes aus erneuerbaren Quellen, und nationale Pläne sehen bis 2030 einen Anteil von rund 81 Prozent vor. Gleichzeitig verfügt Spanien über eine sehr hohe Abdeckung bei 5G- und Glasfaserinfrastruktur, was die Nutzung digitaler Plattformen, KI-Lösungen und datenintensiver Anwendungen erleichtert. Der laufende Digitalisierungsschub spanischer Unternehmen – gestützt durch Programme wie das Digital Kit – dürfte diesen Vorteil weiter verstärken.
Italiens Stärke: Hightech trifft Tradition
Italien kombiniert industrielle Kompetenz, zunehmen de Digitalisierung und internationale Nachfrage nach Hightech Produkten zu einer resilienten Volkswirtschaft. Die Diversifikation der Wirtschaft mit Fokus etwa sowohl auf Qualitätserzeugnisse (Made in Italy) als auch auf Nachhaltigkeit (wie z. B. Batterie Ökosysteme und Kreislaufwirtschaft) ist in diesem Zusammenhang hervorzuheben. Auch gehört Italien zu den exportstärksten Pharma Standorten in Europa, wo durch Biotechnologie und Life Sciences zu langfristigen Wachstumstreibern werden dürften.
Ein Blick nach vorn
Auf Basis der heute bekannten Strukturtrends lassen sich drei Szenarien für die Entwicklung bis 2040 skizzieren:
- Im optimistischen „High Innovation Szenario“ gelingt es der EU, eine führende Rolle bei grünen und digitalen Schlüsseltechnologien einzunehmen. Spanien würde in diesem Fall zum zentralen Energie- und Datenhub Europas aufsteigen, während es Italiens Rolle als Industriestandort in Europa stärken würde.
- Im „Basis Szenario“ bleibt das Wachstum in beiden Ländern stabil, getragen von Digitalisierung und moderater Re-Industrialisierung, ohne globale Spitzenpositionen.
- Das dritte Szenario „Ein fragmentiertes Europa“ beschreibt die Risiken geopolitischer Spannungen, Energieverknappung und technologischer Abhängigkeiten, die beide Länder in ihrer Entwicklung bremsen könnten.
Welches dieser Szenarien Realität wird, hängt maßgeblich davon ab, wie entschlossen Europa seine transformationspolitischen Weichen heute stellt.