Ein Paradigmenwechsel in der Informationssicherheit
Grundschutz++ ist keine einfache Fortschreibung des bekannten IT‑Grundschutz‑Kompendiums. Stattdessen verfolgt das BSI einen grundlegend neuen Ansatz: Methodik, Anforderungen und Maßnahmen werden konsequent voneinander getrennt.
Eine der wichtigsten Neuerungen von Grundschutz++ ist der konsequente Wechsel von einem bausteinorientierten hin zu einem asset‑ und prozessorientierten Modell. Anforderungen werden nicht mehr pauschal auf Systeme angewendet, sondern gezielt dort, wo sie für den Geschäftsbetrieb relevant sind. Ausgangspunkt sind die kritischen Geschäftsprozesse und die Informationen, die in ihnen verarbeitet werden. Daraus ergibt sich, welche Assets besonders schutzbedürftig sind und welches Sicherheitsniveau erforderlich ist. Die Informationssicherheit wird hierbei ausdrücklich als dauerhafte Managementaufgabe verstanden und nicht als einmaliges Projekt.
Sicherheitsanforderungen liegen zudem nicht mehr primär als statische Textdokumente vor, sondern in einem maschinenlesbaren Format (OSCAL/JSON), das Automatisierung und Tool‑Unterstützung ermöglicht. Damit reagiert das BSI auf eine zunehmend dynamische IT‑Landschaft, steigende regulatorische Anforderungen (u. a. NIS2) und den wachsenden Bedarf an kontinuierlicher Nachweisführung.
Wesentliche Kernaspekte des neuen Leitfadens
- Erhebung und Planung – Governance, Compliance, Management‑Commitment:
In dieser Phase sollten die organisatorischen Rahmenbedingungen, inklusive Sicherheitsziele, Verantwortlichkeiten und Compliance Anforderungen, definiert werden. Die Unterstützung durch das Management muss hierbei sichergestellt sein, um den Sicherheitsprozess in allen Bereichen verbindlich zu implementieren und zu steuern. - Anforderungsanalyse – Asset‑ und Strukturmodellierung:
In dieser Phase sollten die relevanten Assets identifiziert und bewertet sowie in einem strukturierten Modell abgebildet werden. Auf Basis dieser Modellierung lassen sich dann konkrete Sicherheitsanforderungen und -maßnahmen ableiten. - Realisierung – Umsetzung, Priorisierung und Nachverfolgung:
In dieser Phase sollten die ermittelten Sicherheitsmaßnahmen umgesetzt, priorisiert und systematisch überwacht werden. Fortschritte und Abweichungen sind zu dokumentieren, um die Zielerreichung sicherzustellen. - Überwachung – Monitoring, Audits und Managementbewertung:
In dieser Phase sollten die Sicherheitsmaßnahmen und Systeme kontinuierlich überwacht und auditiert werden. Die Ergebnisse fließen in regelmäßige Managementbewertungen ein, mit deren Hilfe die Wirksamkeit des Sicherheitsprozesses geprüft wird. - Kontinuierliche Verbesserung – systematische Weiterentwicklung:
In dieser Phase sollten die Erkenntnisse aus Monitoring und Audits dafür genutzt werden, um den ganzheitlichen Sicherheitsprozess stetig zu optimieren. Ziel ist eine nachhaltige Verbesserung der Informationssicherheit durch regelmäßige Anpassungen und das erneute Durchlaufen des PDCA-Zyklus.
Diese Struktur ist ISO‑27001‑kompatibel, geht aber in ihrer Detailtiefe und Prozessorientierung bewusst darüber hinaus.
Eine der zentralen Neuerungen im Leitfaden zur Methodik Grundschutz++ ist die Asset‑basierte Modellierung. Hiernach werden Anforderungen gezielt auf Geschäftsprozesse, Informationen und technische wie organisatorische Assets angewendet. Zielobjektkategorien sorgen dafür, dass Anforderungen sinnvoll vererbt, konsolidiert und priorisiert werden können.
Wie Unternehmen jetzt vorgehen sollten
Auch, wenn sich der Grundschutz++ noch in der Einführungs‑ und Pilotphase befindet, empfiehlt sich unternehmensseitig bereits ein frühzeitiges Handeln: Der Leitfaden macht deutlich, dass einige Voraussetzungen unabhängig von einer späteren Migration sinnvoll sind.
Konkret bedeutet das:
- Managementverantwortung sichern:
Informationssicherheit muss sichtbar auf Management- und Geschäftsführungsebene verankert sein, inklusive Festlegung klarer Verantwortlichkeiten, Entscheidungswege und Rollen, wie beispielsweise eines unabhängigen ISB. - Geschäftsprozesse priorisieren:
Unternehmen sollten sich frühzeitig mit der Frage beschäftigen, welche Geschäftsprozesse kritisch sind, welche Informationen dort verarbeitet werden und welche Abhängigkeiten bestehen. Diese sollten identifiziert und priorisiert werden. - Aufbau oder die Konsolidierung eines strukturierten Asset Inventars:
Unternehmen sollten sich mit ihren kritischen Assets auseinandersetzen und ein konsolidiertes Asset‑Register aufbauen, sowie eindeutige Verantwortlichkeiten festlegen. Eine strukturierte Datenbasis spielt eine zentrale Rolle bei der Umsetzung einer erfolgreichen Informationssicherheit. - Kritische Prüfung der eingesetzten ISMS-Werkzeuge:
Unternehmen sollten ihre bestehenden ISMS- und GRC-Werkzeuge kritisch betrachten und bewerten. Da der Grundschutz++ konsequent „digital gedacht“ wird, stoßen Unternehmen, die heute noch stark mit manuellen Listen und Excel basierten Lösungen arbeiten, mittelfristig an Grenzen.
Ausblick: Wie das BSI den Grundschutz++ weiterentwickeln will
Das BSI plant, den Grundschutz++ in den kommenden Jahren schrittweise auszubauen. Zentrale Elemente sind die Weiterentwicklung der „Stand‑der‑Technik‑Bibliothek“, zusätzliche thematische Layer (bspw. zu Technik, Audits und Risikobetrachtung), sowie die enge Einbindung von Pilotprojekten und der Fachcommunity. Bis 2028 soll so ein belastbarer, praxisgerechter und zertifizierbarer Rahmen entstehen.
Fazit
Der bisherige IT‑Grundschutz bleibt bis Ende 2028 bestehen und gültig. Das BSI hat eine Übergangsphase für Zertifizierungen nach dem neuen Grundschutz++ bis 2029 festgelegt. Somit ist der Leitfaden zur Methodik Grundschutz++ explizit für Pilot‑ und Erprobungsprojekte gedacht, nicht für eine sofortige Migration bestehender Zertifizierungen.
Von daher gilt: Unternehmen sollten sich zwar frühzeitig mit den Handlungsfeldern des Grundschutz++ befassen, aber nicht unbedacht handeln.
Der große Vorteil des neuen Grundschutz++ ist: Weniger Redundanzen, höhere Transparenz und ein Sicherheitsniveau, das sich direkt an der Kritikalität der Geschäftsprozesse orientiert, nicht an pauschalen IT‑Klassifizierungen. Dieser durchgängige Prozess verbindet strategische Steuerung mit operativer Umsetzung und macht Informationssicherheit messbar und steuerbar.
Sollten Sie Unterstützung bei der Implementierung eines ISMS oder den Handlungsfeldern des Grundschutz++ benötigen, stehen wir Ihnen gerne zur Verfügung.
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