Handelsvertreter versus Vertragshändler – Unterschiede, Chancen und Risiken für Unternehmen und Vertriebspartner
- Vertrieb der Produkte über Handelsvertreter oder über Vertragshändler?
- Handelsvertreter erhalten regelmäßig Provisionen für vermittelte oder abgeschlossene Geschäfte
- Kündigung und Ausgleichsanspruch sind bedeutend bei Wahl des Vertriebsmodels
Der folgende Artikel gibt einen strukturierten Überblick über die wesentlichen Unterschiede und zeigt die jeweiligen Vor- und Nachteile auf.
Die rechtliche Ausgangslage
Der Handelsvertreter ist nach § 84 HGB ein selbstständiger Gewerbetreibender, der damit betraut ist, für ein anderes Unternehmen Geschäfte zu vermitteln oder in dessen Namen abzuschließen. Damit handelt er rechtlich im Namen und auf Rechnung des anderen Unternehmens. Initiierte Geschäfte werden in der Regel unmittelbar dem Unternehmen zugerechnet und nicht etwa dem Handelsvertreter.
Im Gegensatz dazu kauft der Vertragshändler die Waren im eigenen Namen und auf eigene Rechnung vom Unternehmen, um sie anschließend weiterzuverkaufen. Er ist damit rechtlich selbstständiger Unternehmer ohne Stellvertretungsmacht. Die Beziehung zwischen Unternehmen und Händler basiert meist auf langfristigen Vertriebsverträgen, die von besonderen gegenseitigen Pflichten geprägt sind, die deutlich über die eines Wiederverkäufers hinaus gehen. Der wesentliche Unterschied zum Handelsvertreter liegt darin, dass der Vertragshändler selbst Käufer und Verkäufer der Produkte wird.
Auch hinsichtlich der Weisungsrechte bestehen Unterschiede: Das Unternehmen grundsätzlich kann dem Handelsvertreter -unter anderem aufgrund seiner Eingliederung in die Unternehmensstruktur – stärker Vorgaben machen, etwa zu Preisen oder Präsentationspflichten, muss dabei jedoch die Grenze zur Scheinselbstständigkeit beachten. Der Vertragshändler ist hingegen freier in seiner Preisgestaltung und unternehmerischen Ausrichtung. Dennoch bestehen häufig vertragliche Vorgaben, die bei Übermaß jedoch kartellrechtlich problematisch sein können.
Vergütung und das wirtschaftliche Risiko
Ebenso unterscheiden sich die Vergütungsmodelle deutlich: Handelsvertreter erhalten regelmäßig Provisionen für vermittelte oder abgeschlossene Geschäfte. Der Handelsvertreter profitiert dabei von definierten Provisionsansprüchen und geringeren Warenrisiken. Vertragshändler hingegen erzielen ihre Gewinne durch Händlermargen, also den Weiterverkauf der zuvor erworbenen Ware. Dies eröffnet größere unternehmerische Freiheit, allerdings auch höhere wirtschaftliche Risiken.
Denn während der Handelsvertreter kein Waren- oder Absatzrisiko trägt und nicht Vertragspartner der Endkunden wird, trägt der Vertragshändler das volle Risiko der Absatzentwicklung, der Lagerhaltung sowie möglicher Gewährleistungsansprüche. Als selbstständiger Unternehmer haftet er für seine Kundenbeziehungen und Kaufverträge.
Bei der Wahl des geeigneten Vertriebsmodells hat nicht selten das Thema Kündigung und Ausgleichsanspruch besondere Bedeutung. Handelsvertreter haben nach § 89b HGB einen gesetzlichen Ausgleichsanspruch, der nach Vertragsende den Wert der geschaffenen Kundenbeziehungen kompensieren soll. Dieser Anspruch kann – in Abhängigkeit der vermittelten Geschäfte durch den Handelsvertreter – erheblich ausfallen.
Vertragshändler haben grundsätzlich keinen solchen Anspruch. Nur unter engen Voraussetzungen erkennt die Rechtsprechung eine analoge Anwendung des Ausgleichsanspruch des Handelsvertreters an, wenn der Vertragshändler wirtschaftlich ähnlich in die Vertriebsorganisation eingegliedert war wie ein Handelsvertreter.
Fazit
In der Gesamtbetrachtung bieten beide Modelle spezifische Vor- und Nachteile: Für Unternehmen ermöglichen Handelsvertreter einen grundsätzlich zunächst kosteneffizienten und risikoarmen Markteintritt, während Vertragshändler eine stärkere Marktdurchdringung schaffen und die Absatzrisiken selbst tragen.
Auch für die Vertriebspartner bedeutet das Handelsvertretermodell geringere unternehmerische Risiken, während Vertragshändler höhere Freiheitsgrade, aber auch wirtschaftliche Verantwortung haben.
Die Wahl des geeigneten Systems hängt daher stark von der strategischen Ausrichtung und den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Eine sorgfältige vertragliche Gestaltung ist bei beiden Modellen unerlässlich – insbesondere hinsichtlich Vergütung, Einsatzgebiet, gegenseitigen Pflichten, Kundendaten, Kündigungsfristen und etwaigen Ausgleichsansprüchen.