India Now – Warum Indien für die deutsche und europäische Wirtschaft so enorm wichtig ist
Für Deutschland, die Exportnation und noch immer führender Technologie- und Industriestandort, eröffnet Indien zahlreiche Chancen entlang der gesamten Wertschöpfungskette deutscher Wirtschaftsleistung: vom Vertrieb von Waren und Dienstleistungen über Beschaffung bis hin zu Produktion und gemeinsamen Innovationen.
Indien zählt zu den am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt und ist für deutsche Unternehmen bereits heute ein bedeutender Absatz‑, Beschaffungs- und Produktionsstandort. Die Beziehungen Indiens zur Europäischen Union wurden in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgebaut und so ist die EU inzwischen einer der wichtigsten Handelspartner und Investoren für Indien. Schätzungen zufolge sind aktuell schon rund 6.000 europäische Unternehmen in Indien tätig, wobei die wichtigsten Güterströme Maschinen und Anlagen, Transportausrüstung sowie Chemieprodukte umfassen. Innerhalb der EU ist Deutschland Indiens wichtigster Handelspartner, mit einem bilateralen Warenhandelsvolumen von 25 bis 28 Mrd. EUR in 2024/25. Deutsche Unternehmen sind in allen indischen Schlüsselbranchen präsent und intensivieren ihre Aktivitäten vor dem Hintergrund laufender Freihandelsverhandlungen zwischen Indien und der EU zunehmend.
Die Verhandlungen über ein solches Free Trade Agreement (FTA) zwischen Indien und der EU wurden im Juni 2022 nach jahrelanger Pause wiederaufgenommen und seitdem in mehreren Runden vorangetrieben. In November 2025 meldeten beide Seiten zuletzt „substanzielle Fortschritte“ und gleich zu Jahresbeginn 2026 fand in Brüssel ein ministerielles Treffen statt, um offene Punkte zu klären und den Abschluss des FTA zu beschleunigen. Die Gespräche zwischen dem indischen Minister für Handel und Industrie, Piyush Goyal und dem Executive Vice‑President und EU‑Handelskommissar Maroš Šefčovič dienten der politischen Steuerung, sollten Differenzen bei Kapiteln wie Automobilen, Stahl und CBAM adressieren und die Verhandlungen, die von allen Beteiligten als in der „entscheidenden Phase“ beschrieben werden, zügig voranbringen. Wenngleich das Ergebnis dieser Gespräche zum Redaktionsschluss noch ausstanden, wird allgemein erwartet, dass die Verhandlungen zwischen Indien und der EU zum Abschluss eines FTA nunmehr zeitnah ein positives Ende finden. Medienberichten zufolge soll schon am 27. Januar 2026 ein Indien–EU‑Gipfel mit FTA‑Agenda stattfinden.
Ignorieren kann die EU Indien als einen ihrer wichtigsten strategischen Wirtschaftspartner für die kommenden Jahre jedenfalls nicht. Die günstige Demografie Indiens und die weit fortgeschrittene Digitalisierung prägen die Nachfrage bei Konsum‑ und Industriegütern sowie Dienstleistungen. Die EU bewertet Indien als großen, schnell wachsenden Markt mit erheblichem Potenzial, insbesondere für Maschinen, Transportausrüstung und Chemie. Deutsche Unternehmen nutzen Indiens IT‑Kompetenz, Shared‑Service‑Kapazitäten und erweitern lokale Zentren für Forschung und Entwicklung sowie Digitalisierung und Prozessoptimierung, sog. Global Capabilities Center (GCC), um Produktion und Absatz zu stützen. Auch Infrastruktur und Energie sind zentrale Wachstumsfelder. Gemeinsame Initiativen der EU und Indien wie die z.B. Connectivity‑Partnership und Global Gateway zielen auf eine langfristige, strategische Partnerschaft ab und sollen Finanzierungshebel für digitale, Transport‑ und Energieprojekte und sollen eine nachhaltige, regelbasierte Vernetzung fördern.
Auch wenn das große Potential Indiens für die deutsche und europäische Wirtschaft unbestritten ist und Indien in den letzten Jahren bereits zahlreiche Reformprojekte des Landes und seiner Wirtschaft sehr erfolgreich umgesetzt hat, bestehen dennoch einige zu berücksichtigende Herausforderungen im indischen Geschäftsumfeld, vor allem für den deutschen Mittelstand. So berichten Unternehmen weiterhin über langwierige und wenig effiziente Genehmigungs- und Verwaltungsvorgänge, Infrastrukturengpässe und teilweise lange Konformitätsprozesse. Eine frühzeitige Compliance‑Planung, lokale Due‑Diligence und Unterstützung durch Partnernetzwerke sollten daher stets zwingender Bestandteil einer praxistauglichen Investitionsplanung für Indien sein.
Die Perspektiven für deutsche Unternehmen sind wohl auch in den kommenden Jahren uneingeschränkt als positiv zu bewerten, vor allem vor dem Hintergrund folgender Aspekte:
Marktzugang – Ein FTA zwischen Indien und der EU würde Zölle auf Maschinen, Fahrzeuge und Chemie reduzieren, Ursprungsregeln präzisieren und Investitionsschutz festschreiben. Kleinere und mittlere Unternehmen erhielten einen planbareren Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen und sektoralen Zulassungen, ein besonders wichtiger Aspekt für den hochqualifizierten und international wettbewerbsfähigen, in seinen unternehmerischen Ressourcen aber regelmäßig deutlich eingeschränkten deutschen Mittelstand.
Lieferketten-Resilienz – Europäische Unternehmen nutzen Indien zunehmend nicht nur als Absatzmarkt, sondern auch und gerade für Beschaffung, Komponentenfertigung und Dual‑Sourcing. EU‑Initiativen bieten dabei flankierende Finanzierungsmechanismen, vor allem für grüne und digitale Infrastrukturprojekte.
Zertifizierung und Standards – Die indischen Zertifizierungsregime BIS und OTR verlangen eine strukturierte technische Dokumentation, laborgestützte Prüfungen und zentral regulierte Audits. Mit einer frühzeitigen Vorbereitung ihrer Produktzertifizierung(en) können sich deutsche und europäische Anbieter entscheidende Vorteile beim Marktzugang sichern. Eine Verschiebung der Durchsetzung des BIS-Scheme X auf September 2026 verschafft den betroffenen Unternehmen zusätzlichen Vorlauf.
Im der zusammenfassenden Betrachtung erlauben die aktuellen und derzeit in Verhandlung befindlichen europäisch-indischen Wirtschaftsbeziehungen einen rundum positiven Ausblick. Der Abschluss eines umfassenden EU‑Indien‑FTA erscheint endlich zum Greifen nahe und schon in den kommenden Wochen stehen entscheidende Gespräche zwischen Brüssel und Neu-Delhi an, die darauf abzielen, Restdifferenzen zu beheben und den Marktzugang für zentrale Sektoren zu präzisieren. Parallel dazu liefert das schon 2025 in Kraft getretene EFTA‑Abkommen (TEPA) zwischen Indien und den EFTA‑Staaten (Island, Liechtenstein, Norwegen, Schweiz) erste belastbare Praxiserfahrungen zu Zollsenkung, Dienstleistungszusagen und Investitionsmechanismen, die im EU‑Kontext anschlussfähig sein dürften.
Strategisch bewertet die EU vor allem den Ausbau von Lieferketten und nachhaltiger Infrastruktur im Rahmen von Global Gateway als Bestandteil ihrer breiteren wirtschaftlichen Agenda, während Deutschland innerhalb der EU ein zentraler Akteur bleibt für Maschinenbau, Automobil, Chemie und technische Normung – alles Wirtschaftssegmente, die in Indien direkt nachgefragt werden. Auch Indien positioniert sich als strategischer Partner der EU und Deutschlands, um über einen besseren Binnenmarktzugang sein Wirtschaftswachstum weiterhin zu stimulieren und geopolitische Abhängigkeiten zu diversifizieren. Gelingt es den politischen Akteuren auf beiden Seiten, die notwenige politische und regulatorische Stabilität auch für die kommenden Jahren zu gewährleisten, dürften sowohl der deutsche Mittelstand als auch die zunehmend international aktiven indischen Mittelstandsunternehmen deutlich von den hervorragenden bilateralen Beziehungen und dem aufstrebenden indischen Wirtschaftsumfeld profitieren.