Aktuell sind in Deutschland schätzungsweise rund 400 Unternehmen am regulierten Markt notiert. Unter Einbeziehung des Freiverkehrs beläuft sich die Gesamtzahl auf etwa 800 Gesellschaften. Diese Zahl erscheint gemessen an der Größe der deutschen Volkswirtschaft vergleichsweise gering. Problematischer ist dabei die Tatsache, dass trotz der Bemühungen des europäischen und des deutschen Gesetzgebers, den Kapitalmarkt attraktiver zu gestalten, die Anzahl der Unternehmen am Kapitalmarkt im Vergleich zu den Vorjahren und vergangenen Jahrzehnten eher rückläufig zu sein scheint. Nicht zuletzt zeigt sich diese Entwicklung darin, dass im Jahr 2025 lediglich drei Börsengänge verzeichnet wurden.
Nachfolgend werden die aktuellen Entwicklungen am Kapitalmarkt hinsichtlich Börsengängen sowie die wesentlichen Aspekte, die einen Börsengang fördern oder diesem im Wege stehen können, beleuchtet.
I. Ziele des IPO
Mit dem IPO verfolgen Emittenten in aller Regel das Ziel, ihre Finanzierungsmöglichkeiten zu stärken, indem frische liquide Mittel an der Börse eingesammelt werden können. Des Weiteren führt ein IPO regelmäßig zu erhöhter Publizität und kann so die öffentliche Wahrnehmung des Unternehmens stärken – sowohl innerhalb der Branche, als auch in der breiten Öffentlichkeit. Schließlich ermöglicht eine Börsennotierung auch einfachere Möglichkeiten, sein Investment zu veräußern und so den Exit zu gestalten.
Initial Public Offering
Entscheidet sich eine Gesellschaft, erstmalig Aktien am regulierten Markt (der Börse) oder im Freiverkehr zu platzieren und somit öffentlich zum Kauf anzubieten, spricht man von einem Börsengang (englisch: Initial Public Offering, IPO). Den erstmaligen Handel von Aktien am organisierten, d.h. öffentlichen Markt, nennt man „Primärmarkt“, wohingegen der Handel von – auch neu, bspw. aufgrund einer Kapitalerhöhung, ausgegebenen – Aktien bereits börsennotierter Gesellschaften als „Sekundärmarkt“ bezeichnet wird.
II. Status quo des deutschen Kapitalmarktes im Hinblick auf IPOs
Anders als die Stagnation an börsennotierten Unternehmen in Deutschland erwarten lässt, investieren in Deutschland immer mehr Menschen in Aktien. Nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts investierten im Jahr 2025 rund zwei Millionen Menschen mehr in Deutschland in Aktien als noch im Vorjahr. Damit hielt etwa jeder sechste Deutsche Aktien.
Insbesondere vor dem Hintergrund der anhaltenden Niedrigzinsphase und den wirtschaftlichen Unsicherheiten der vergangenen Jahre, vor allem der in Deutschland vorherrschenden Rentenkrise, wenden sich immer mehr Privatpersonen Aktien und ETFs zu. Dabei gewinnen vor allem ETF-Sparpläne an Beliebtheit, da sie als kostengünstige und langfristig ausgerichtete Möglichkeit der Vermögensbildung gelten und gerade im Rahmen der Altersvorsorge an Bedeutung gewinnen.
Es stellt sich daher die Frage, weshalb bislang nur vergleichsweise wenige Unternehmen den Gang an die Börse wagen, obwohl der Zugang zu frischem Kapital dort einfacher denn je erscheint.
So wurden im Jahr 2025 lediglich drei IPOs verzeichnet, womit 2025 wohl das schwächste IPO-Jahr dieses Jahrzehnts war. Zugleich sank das Emissionsvolumen auf 1,19 Mrd. Euro und erreichte damit den zweitniedrigsten Wert dieses Jahrzehnts.
Den größten deutschen Börsengang im Jahr 2025 schloss die Ottobock SE & Co. KGaA am 9. Oktober 2025 erfolgreich an der Frankfurter Wertpapierbörse ab. Die Aktien wurden zu 66 Euro pro Stück ausgegeben, wodurch ein Emissionserlös von etwa 808 Mio. Euro erzielt und das Unternehmen mit rund 4,2 Mrd. Euro bewertet wurde.
Was aber spricht dann gegen den Gang an die Börse?
III. Herausforderungen für Kapitalmarktemittenten
Der Vorteil des Rampenlichts der Börse hat auch seine Kehrseiten, als mit der Börsennotierung die Einhaltung einer strengeren Regulatorik verbunden ist.
Emittierende Unternehmen unterliegen mit dem IPO einer deutlich strengeren regulatorischen Kontrolle und bürokratischen Herausforderungen durch umfassendere Compliance-Anforderungen. Hierzu zählt etwa die Schaffung einer kapitalmarktrechtlichen Transparenz durch die Einhaltung der Vorschriften der EU-Marktmissbrauchsverordnung (MAR), die bspw. zur Veröffentlichung von Insiderinformationen verpflichtet und deren Unterlassen streng bußgeldbewehrt ist.
Des Weiteren besteht am regulierten Markt die Verpflichtung zur Erstellung von Konzernabschlüssen nach den International Financial Reporting Standards (IFRS). Die Anforderungen der IFRS an die Erstellung der Geschäftsberichte sind dabei weitaus strenger und umfangreicher als die Voraussetzungen des national geltenden Handelsgesetzbuches (HGB).
Schließlich ist der Börsengang auch mit wirtschaftlichen Ungewissheiten verbunden. Börsennotierte Unternehmen können anhand ihrer Marktkapitalisierung taggleich den Wert des Unternehmens ermitteln. Eine solche permanente Bewertung kann enormen Druck auf die Unternehmensführung ausüben. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Entwicklung des Kapitalmarktes gerade auch von externen Faktoren wie politischen Rahmenbedingungen oder allgemeinen Markttrends beeinflusst wird. Die hierdurch auslösbaren Kursschwankungen liegen regelmäßig nicht im Einflussbereich des jeweiligen Unternehmens.
IV. Chancen eines Börsengangs
Der Börsengang bietet allerdings auch viele Vorteile. Neben des bereits dargestellten vereinfachten Zugangs zu Fremdkapital und des erleichterten Exits aus dem Investment durch Anteilsveräußerung über die Börse kann der vorgenannte starke Einfluss externer Faktoren, etwa von Markttrends, politischer Entwicklungen oder ggf. medialer Aufmerksamkeit in sozialen Netzwerken, positive und wachstumsfördernde Auswirkungen haben. Insbesondere in solchen Phasen können Unternehmen ein hohes Volumen im Rahmen von Kapitalmaßnahmen erzielen. Dies zeigt sich deutlich in einzelnen Bereichen, wie bspw. der Rüstungsindustrie im Jahr 2026.
Börsensegmente
Beim Börsenbetrieb wird unterschieden zwischen dem regulierten Markt, welcher öffentlich-rechtlich ausgestaltet ist, und dem Freiverkehr, welcher privatrechtlich geregelt ist. Dabei unterteilt die wichtigste Börse in Deutschland – die Frankfurter Wertpapierbörse – im Rahmen des regulierten Marktes weiter zwischen Prime Standard und General Standard.
V. Einfluss externer Entwicklungen des Kapitalmarkes im Jahr 2026
Politische Entwicklungen wie die vorherrschende Rentenvorsorgeproblematik und die damit einhergehende aktuelle politische Diskussion zur gedeckten privaten Kapital-Altersversorgung, geopolitische Spannungen und handelspolitische Unsicherheiten spielen nicht nur im Rahmen privater Investments, sondern auch im Rahmen der Entscheidung über einen Börsengang eine Rolle.
Auch der deutsche Gesetzgeber bemüht sich, auf die wirtschaftlichen Entwicklungen zu reagieren und Investments attraktiver zu machen. Hierzu wurde bspw. das Standortförderungsgesetz erlassen, welches am 10. Februar 2026 teilweise in Kraft trat (siehe hierzu Standortfördergesetz: Stärkung des Kapitalmarkts | RÖDL).
Ebenso hat der Bundestag am 27. März 2026 das Altersvorsorgegesetz zur Schaffung eines Altersvorsorgedepots erlassen. Dadurch sollen für Bürger Anreize geschaffen werden, um in Aktien, Fonds und Exchange Traded Funds (ETFs) zu investieren und im Hinblick auf die Altersvorsorge zu sparen – das Ganze steuerlich gefördert sowie unter Einbeziehung von Selbstständigen und einer Förderung von Geringverdienern.
Der erhebliche Einfluss externer Faktoren – wie der geopolitischen Spannungen – auf die Entscheidung über einen Börsengangs zeigen sich auch daran, dass im Jahr 2026 zwei von drei emittierenden Unternehmen der Rüstungsindustrie zuzuordnen sind und sich mit KDNS voraussichtlich ein drittes Rüstungsunternehmen in die Liste einreihen wird:
1. Gabler Group AG
Am 9. März 2026 ist die Gabler Group AG, ein Lübecker U-Boot Zulieferer, im Börsensegment Scale der Frankfurter Wertpapierbörse emittiert und erreichte dabei ein Volumen von ca. 133 Mio. Euro. Scale ist ein sogenannter KMU-Wachstumsmarkt, das Segment für kleinere und mittelgroße Unternehmen.
2. VINCORION SE
Die VINCORION SE ist als Entwickler und Hersteller von einsatzkritischer Energie- und Mechatroniklösungen für Verteidigungsplattformen und fortschrittliche Luftfahrtsysteme ebenfalls dem Segment der Rüstungsindustrie zuzuordnen. Der IPO der VINCORION SE erfolge am regulierten Markt im Prime Standard am 20. März 2026 und erzielte einen Erlös in Höhe von rund 345 Mio. Euro.
3. KDNS
Geplant ist mit KDNS, ein deutsch-französische Panzerbauer, der Börsengang eines weiteren Rüstungsunternehmens im Jahr 2026.
Ausblick und Fazit
Ein IPO stellt für Unternehmen eine bedeutende Entscheidung und ein wichtiges kapitalmarktrechtliches Instrument zur Unternehmensfinanzierung sowie der damit einhergehenden Wachstumsmöglichkeiten dar. Die Entwicklungen des Kapitalmarktes im Jahr 2025 und 2026 spiegeln die Konnexität zur politischen und geopolitischen Lage wider. Spannend bleiben insofern die noch zu erwartenden IPOs im Jahr 2026.
Wenn Sie Insights hinsichtlich des Gangs an die Börse durch ein Unternehmen haben möchten, hören Sie gerne den Bericht von Herrn Uwe Bögershausen, der als CFO drei Unternehmen auf dem Weg auf Parkett begleitet hat, in unserem neu erschienenen Podcast – Kapitalmarkt Logbuch, einer Zusammenarbeit zwischen RÖDL und der Quirin Privatbank, an;
Kapitalmarkt Logbuch – Podcastfolgen | RÖDL
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