Veröffentlicht am 22. Januar 2026
Lesedauer ca. 4 Minuten

Kooperationen in der Telekommunikation: Aktuelle Marktsignale und Handlungsoptionen im Glasfasermarkt

  • Kooperationen werden für Stadtwerke zum zentralen Skalierungshebel im TK-Geschäft
  • SWM/M-net x Telekom: In München wird FTTH-Ausbau mit offener Infrastruktur beschleunigt
  • NordConnect: Bündelung von Betrieb/Vertrieb; Netze bleiben in Eigentümerhand
  • Deutsche GigaNetz × Lotenik: NE4-Kooperationen adressieren MDU-Engpässe
Franz Neugebauer
M.A. Internationale Wirtschaft und Governance
Lucas Röckelein
B.A. Internationales Handelsmanagement, Consultant
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Kooperationen zwischen Stadtwerken und Telekommunikationsunternehmen gewinnen im Glasfasermarkt deutlich an Bedeutung. Drei aktuelle Beispiele – München (SWM/M-net × Telekom), Schleswig-Holstein (NordConnect) und die NE4-Kooperation Deutsche GigaNetz × Lotenik – zeigen, wie Ausbaugeschwindigkeit, Betriebseffizienz und Umsetzungsrisiken über klare Rollenmodelle neu austariert werden.

Für Stadtwerke und TKUs entsteht Handlungsbedarf: Wer Kooperationsoptionen wirtschaftlich vergleicht und Governance/Verträge frühzeitig strukturiert, kann schneller skalieren und Risiken kontrolliert teilen.

Kooperationen im Jahr 2025: Drei Signale aus dem Markt

Der Glasfasermarkt ist weiterhin von hoher Umsetzungs- und Vermarktungskomplexität geprägt. Gleichzeitig steigt der Erwartungsdruck an Tempo, Qualität und Flächenabdeckung. Vor diesem Hintergrund ist ein Trend klar erkennbar: Kooperationen werden vom punktuellen „Add-on“ zu einem zentralen Strukturprinzip, insbesondere dort, wo Stadtwerke ihr TK-Geschäft professionalisieren, Skaleneffekte heben und Projektrisiken besser verteilen wollen.

Die aktuellen Entwicklungen lassen sich anhand von drei Kooperationsmustern gut einordnen: (1) Infrastrukturzugang/Open-Access-orientierte Modelle, (2) Bündelung von Betrieb und Vertrieb in gemeinsamen Plattformen sowie (3) Spezialisierungskooperationen entlang der Netzebenen (NE3/NE4), insbesondere im Mehrfamilienhaussegment.

München: SWM/M-net × Telekom – Infrastrukturzugang als Beschleuniger für FTTH

Am 22. September 2025 haben die Stadtwerke München (SWM), ihre Telekommunikationstochter M-net und die Deutsche Telekom eine langfristig angelegte Kooperation kommuniziert, die den flächendeckenden Glasfaserausbau in München beschleunigen soll. Ziel ist ausdrücklich die Weiterführung der Glasfaser bis in Wohnungen und Geschäftseinheiten (FTTH).¹

In der öffentlichen Darstellung werden zwei Punkte besonders hervorgehoben:

  • Aufbau auf bestehender FTTB-Basis: Die SWM verweisen darauf, bereits rund 650.000 Wohn- und Geschäftseinheiten (überwiegend FTTB) erschlossen zu haben, auf deren Grundlage die „letzten Meter“ in die Nutzungseinheiten konsequent weitergeführt werden sollen.
  • Gegenseitiger Zugang zu Infrastrukturen und offene Netzinfrastruktur: Im Zuge der Partnerschaft erhalten M-net und Telekom gegenseitig Zugang zu den jeweiligen Glasfaserinfrastrukturen; zugleich wird die Kooperation als Beitrag zu einer offenen FTTH-Netzinfrastruktur mit Anbieterwahl eingeordnet.

Für die Markteinordnung relevant ist zudem die Größenordnung: Die Kooperation umfasst perspektivisch rund 550.000 Anschlüsse; pro Wohnung/Geschäftseinheit ist eine Anschlussdose mit zwei Ports (M-net/Telekom) für die freie Anbieterwahl vorgesehen.
Branchenmedien berichten, dass die Kooperation nach einem mehrjährigen Konflikt als strategischer Schritt zur Vermeidung von Doppelstrukturen diskutiert wird. Ein solcher Zusammenschluss kann zugleich aber auch kritisch bewertet werden, wenn Abhängigkeiten, Laufzeiten und Governance nicht sauber austariert sind.²

NordConnect: Stadtwerke bündeln Betrieb und Vertrieb, ohne das Netzeigentum zu verlagern

Ein zweites Kooperationsmuster zeigt NordConnect in Schleswig-Holstein: SWN Stadtwerke Neumünster und die Stadtwerke SH haben ihre Telekommunikationsaktivitäten unter einem gemeinsamen Dach organisiert. Mit dem Notartermin am 4. Dezember 2025 ist NordConnect offiziell als GmbH gestartet.³

Der Ansatz ist dabei typisch für eine Stadtwerke-zu-Stadtwerke-Plattformlogik: NordConnect fungiert als gemeinsame Betreiber- und Vertriebsgesellschaft, in der technische und kaufmännische Aufgaben gebündelt werden – darunter Betrieb bestehender Glasfasernetze, Vertrieb von Internet-/Telefon-/TV-Produkten sowie Kundenservice.

Dieses Modell adressiert eine praktische Realität vieler kommunaler TK-Engagements: Netze können lokal wertvoll und strategisch relevant sein, während die dauerhaft effiziente Betriebs-/Vertriebsorganisation jedoch Skalierung, Standardisierung und klare Verantwortlichkeiten erfordert. Genau hier setzt die Bündelung an, ohne zwingend einen Eigentumswechsel am Netz zu benötigen.

Deutsche GigaNetz × Lotenik: NE3/NE4-Kooperation als Antwort auf den MDU-Engpass

Ein drittes Muster betrifft die Engpasszone im Mehrfamilienhaus (MDU). Am 18. Dezember 2025 haben Deutsche GigaNetz und Lotenik media eine Kooperation zur Sicherung des Glasfaserausbaus in Mehrfamilienhäusern veröffentlicht. Inhaltlich ist die Arbeitsteilung klar: Deutsche GigaNetz liefert die Aktivtechnik bis zum Hausübergabepunkt, Lotenik bedient die Netzebene 4 (hausinterne Verkabelung).⁴

Zielrichtung und Nutzenargumentation fokussieren dabei explizit auf höhere Verfügbarkeit in der Wohnungswirtschaft, Qualität am Bau und Ausbaugeschwindigkeit. Zudem wird als Fokus die Zusammenarbeit mit Immobilienverwaltungen und Wohnungseigentümergemeinschaften genannt – also genau den Stakeholdern, bei denen Zugangs- und Umsetzungsprozesse häufig zum kritischen Pfad werden.

Kooperation braucht Governance

Die drei Beispiele zeigen: Kooperationen sind kein Selbstzweck – sie ersetzen nicht die wirtschaftliche Logik des Ausbaus, können diese aber messbar verbessern, wenn Rollen, Schnittstellen und Steuerungssysteme professionell gestaltet sind. In der Praxis entscheidet selten die Absichtserklärung, sondern die Governance im Betrieb: Wer trägt welche Kosten und Risiken? Wie werden Qualität und Zeit (SLA, Abnahme, Dokumentation) sichergestellt? Wie werden Vertriebs-/Wholesale-Interessen und „freie Anbieterwahl“ operationalisiert?

Gerade bei Stadtwerken ist zusätzlich relevant, dass das TK-Geschäft häufig parallel zu Energie-/Infrastrukturaufgaben gesteuert wird: Kooperationsmodelle müssen daher nicht nur marktseitig funktionieren, sondern auch intern „anschlussfähig“ sein (Controlling, Berichtswesen, Prozesslandschaft, Compliance).

Nicht Abwarten, sondern Strukturieren!

Für Stadtwerke und TKUs entsteht daraus Handlungsbedarf. Aus unserer Sicht bieten sich zwei zentrale Handlungsfelder an:

Zum einen ist die wirtschaftliche Vergleichbarkeit von Kooperationsoptionen herzustellen. Auch ohne „perfekte“ Marktsicht lassen sich Kooperationsmodelle strukturiert gegenüberstellen: Welche Variante beschleunigt Time-to-Connect? Welche senkt OPEX im Betrieb? Welche reduziert Überbau- und Ausführungsrisiken (insb. MDU/NE4)? Wer diese Effekte in Szenarien quantifiziert, kann Entscheidungen faktenbasiert treffen und die Kooperation auf belastbare KPIs ausrichten.

Zum anderen ist die vertragliche und operative Ausgestaltung frühzeitig zu konkretisieren. Erfahrungsgemäß entstehen die größten Reibungsverluste an Schnittstellen (NE3/NE4, Betrieb/Entstörung, CRM/Order-to-Activate, Abnahme/Dokumentation). Eine praxistaugliche Governance – inkl. Servicekatalog, SLA-Regime, Eskalationsmechanismen und klarer Verantwortungsmatrix – ist damit kein „juristischer Anhang“, sondern Kern der Kooperationsfähigkeit.

Gerne unterstützen wir Sie dabei, Kooperationsmodelle wirtschaftlich zu bewerten, Governance/Verträge praxistauglich aufzusetzen und die Umsetzung entlang klar definierter KPIs zu steuern.

 

1 Stadtwerke München, M-net und Telekom machen München zur Glasfaser-Metropole | Deutsche Telekom
2 München: Wirbel um Glasfaserkooperation von Telekom, M-net und Stadtwerken | heise online
3 NordConnect gegründet: SWN und die Stadtwerke SH bündeln Telekommunikationsangebot
4 Deutsche GigaNetz und Lotenik unterzeichnen Kooperation zur Sicherung des Glasfaserausbaus in Mehrfamilienhäusern | Deutsche GigaNetz GmbH

 

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