Veröffentlicht am 30. April 2026
Lesedauer ca. 7 Minuten

Künstliche Intelligenz und Automatisierung in der öffentlichen Verwaltung – Warum jetzt eine klare Strategie notwendig ist

  • KI-Strategie und Governance in der öffentlichen Verwaltung
  • Automatisierung von Verwaltungsprozessen und Bürgerkommunikation
  • Herausforderungen bei Daten, IT-Strukturen und Akzeptanz
Ina Eichhoff
Partner
Steuerberaterin, Sustainability Auditor IDW
Dr. Kai Czupalla
Associate Partner
Noch vor wenigen Jahren galt Künstliche Intelligenz (KI) in der öffentlichen Verwaltung als Zukunftsvision. Heute ist sie dabei, konkrete Verwaltungsprozesse selbstständig zu übernehmen.

Wenn Künstliche Intelligenz beginnt die öffentliche Verwaltung zu steuern und warum Kommunen jetzt handeln müssen

Seit März 2026 werden in 17 deutschen Kommunen erstmals autonom handelnde KI‑Agenten erprobt, die Anträge prüfen, fehlende Unterlagen anfordern, Dokumente analysieren und Entscheidungsvorschläge für Sachbearbeitende erzeugen. Möglich macht dies der vom Bund initiierte „Agentic AI Hub“, der KI nicht mehr nur als Assistenz versteht, sondern als aktiven Akteur im Verwaltungsvollzug.¹

Diese Entwicklung markiert einen Systemwechsel. Denn dort, wo KI beginnt, Abläufe zu steuern, entstehen neue Fragen:

  • Wer trägt Verantwortung?
  • Wie wird Nachvollziehbarkeit sichergestellt?
  • Welche Prozesse eignen sich für Automatisierung?

Zwar werden die aktuellen Pilotprojekte politisch flankiert und wissenschaftlich begleitet, sie zeigen jedoch vor allem eines sehr deutlich: Die Technologie ist schneller als die strategische Vorbereitung vieler öffentlichen Verwaltungen.

Gleichzeitig wächst der Handlungsdruck. Fachkräftemangel, demografischer Wan-del und steigende Serviceerwartungen treffen die kommunale Ebene besonders hart. KI und Automatisierung gelten zunehmend als Schlüssel, um staatliche Leistungsfähigkeit zu sichern. Doch wer heute nur auf einzelne Tools oder Pilotlösungen setzt, riskiert Insellösungen, Akzeptanzprobleme oder spätere kostspielige Kurskorrekturen. Der erfolgreiche Einsatz von KI beginnt nicht mit Software, sondern mit Strategie, Governance und klaren Entscheidungsgrundlagen.

Hier liegt die zentrale Herausforderung für kommunale Entscheidungsträger. Eine durchdachte KI-Strategie ist Grundvoraussetzung für eine zukünftige rechtssichere und wirtschaftliche Integration von KI-Modellen und Prozessoptimierungen. Fragen des Datenschutzes, der Haftung, der Organisation, der Qualifikation von Mitarbeitenden und der politischen Steuerung müssen vor dem Produktiveinsatz geklärt sein. Die aktuellen Leuchtturmprojekte zeigen, was technisch möglich ist. Sie ersetzen jedoch nicht die individuelle strategische Vorbereitung jeder Kommune.

Wo Automatisierungs- und KI-Potenziale liegen

Es lassen sich in der öffentlichen Verwaltung mehrere prioritäre Handlungsfelder identifizieren. In den folgenden Bereichen erwarten wir den größten Nutzen durch Automatisierungen und KI.

Verwaltungsinterne Dokumentenverarbeitung und Prozessautomatisierung

Die Dokumentenbearbeitung bindet in der Verwaltung viel Kapazität. Heute verursachen unstrukturierte Schriftstücke wie E‑Mails, Formulare oder handschriftliche Dokumente hohe manuelle Aufwände. Oft bestehen in der Verwaltungspraxis so genannte gewachsene Prozesse, die teilweise nie aufgenommen und verschriftlicht wurden. Folglich konnte die Effizienz dieser Prozesse nie systematisch geprüft wer-den. Erkennbare Optimierungspotenziale bestehen in der Steuerverwaltung, den Ordnungs- und Sicherheitsbereichen, dem Bauwesen, den Personalprozessen und den internen Kontrollsystemen. Dortige Automatisierungen können insbesondere Sachbearbeitung und Verwaltungseinheiten entlasten. Dabei ist es nicht erforderlich direkt KI in den Einsatz zu bringen. Prozessverschlankungen und Automatisierung bei Personalzahlungen, Zahlungsrückläufern oder Plausibilitätsprüfungen von Anträgen und Formularen sind bspw. in Hamburg bereits erfolgt.²

Bürgerkommunikation und Serviceautomatisierung

Die Nachfrage nach schnellen, verständlichen und digitalen Leistungen steigt kontinuierlich. Chatbots und Assistenzsysteme bieten die Möglichkeit, Bürgerinnen und Bürger rund um die Uhr passgenau zu informieren. Außerdem können intelligente Formularassistenten die Benutzerfreundlichkeit erhöhen und Fehler in Anträgen verhindern. Nicht zuletzt werden bei einer zunehmend diversen Bevölkerung mehr-sprachig übersetzbare Anfragen und Inhalte wichtiger. Automatisierte Prüfungen von Bearbeitungslogiken und Zuordnungen von Anträgen können eine effiziente Verwaltung unterstützen.

Entscheidungen und Prognosemodelle

KI kann große Datenmengen schnell analysieren und mit vorgegebenen Regeln oder statistischen Modellen wirtschaftliche und rechtliche Aspekte in Entscheidungsempfehlungen einbeziehen. Voraussetzung hierfür sind jedoch gepflegte Stammdaten wie Wohnorte und Staatsbürgerschaften sowie belastbare Bewegungsdaten wie Anträge oder Buchungen. Denkbar sind

  • Prüfungen oder Genehmigungen priorisieren.
  • Risiken und Engpässe mit Frühwarnsystemen erkennen.
  • Ressourcenbedarfe prognostizieren (Kita‑Plätze, Pflege, Gesundheit, Verkehr).
  • Personaleinsätze optimieren.

Herausforderungen und Erfolgsfaktoren einer KI‑Einführung

Die größten Herausforderungen sind die Qualität der vorliegenden Daten, heterogene IT-Landschaften und rechtliche Rahmenbedingungen. Die meisten Verwaltungen erledigen Aufgaben in gewachsenen Strukturen, in denen IT-Lösungen nicht für das ganze Haus, sondern teilweise nur für einzelne Verwaltungsbereiche angeschafft und eingesetzt werden. Bei Spezialsoftware für bestimmte Verwaltungsbereiche, die auch zur Buchhaltung genutzt werden und Vorsysteme der Buchführung darstellen, ergeben sich teilweise Probleme in der Auswertbarkeit von Daten. Hinzu kommen oft hohe Datenschutz- und Sicherheitsanforderungen. Somit erfordert die Integration von KI in bestehende Fachverfahren fachliches Knowhow sowie technische und rechtliche Expertise.

Organisatorische Herausforderungen ergeben sich durch akuten Personalmangel in IT und Datenmanagement sowie durch die teilweise fehlende interne Digitalisierungserfahrung und Akzeptanz der Beschäftigten. Die hohe Komplexität der Abstimmungsprozesse und die gewachsenen föderalen Strukturen erschweren eine KI-Einführung zusätzlich. Um die KI-Akzeptanz in der Verwaltung sicherzustellen, müssen Ängste der Beschäftigten vor Veränderungen und etwaigen Arbeitsplatzverlusten früh adressiert und ernst genommen werden. Entscheidend sind Schulungen, Fort- und Weiterbildungen, damit die Beschäftigten die Vorteile und Chancen er-kennen können sowie die prozessualen und technischen Innovationen später effektiv nutzen.

Vorgehen und erste Schritte

Der erfolgreiche Einsatz von Automatisierung und KI in der öffentlichen Verwaltung beginnt nicht mit einzelnen Anwendungen, sondern mit einer klaren strategischen Ausrichtung. Zunächst sollte eine fach- und organisationsübergreifende KI-Strategie entwickelt werden, die von Verwaltungsleitung und Politik getragen wird. Diese Strategie muss den geltenden Rechtsrahmen – insbesondere Datenschutz, IT-Sicherheit und Vergaberecht – und ethische Grundsätze wie Nachvollziehbarkeit, Diskriminierungsverbot und Gemeinwohlorientierung berücksichtigen. Auf dieser Grundlage lassen sich Anwendungsszenarien priorisieren und realistische Zielbilder definieren.

Um Akzeptanz und Erfahrungen aufzubauen, empfiehlt sich nach Fertigstellung der KI-Strategie ein schneller Einstieg über klar abgegrenzte Quick Wins. Sinnvoll sind Pilotprojekte mit überschaubarem Risiko und eindeutigem wirtschaftlichen oder organisatorischen Nutzen, etwa in der Dokumentenklassifikation, im Bürgerservice oder bei internen Verwaltungsprozessen. Solche Anwendungsfälle machen Nutzen-potenziale sichtbar, ohne die Organisation zu überfordern, und dienen zugleich als Lernfelder für Technik, Organisation und Mitbestimmung.

Partizipation ist ein zentraler Erfolgsfaktor. Die frühzeitige Einbindung von Beschäftigten, Personalvertretungen, Politik, Öffentlichkeit und weiteren Stakeholdern baut Vorbehalte ab und schafft Vertrauen. Offene Kommunikation über Ziele, Grenzen und Wirkungen von KI stärkt die Legitimität der eingesetzten Lösungen und unterstützt eine verantwortungsvolle, am Gemeinwohl orientierte Digitalisierung der Verwaltung.

Parallel dazu ist ein systematischer Kompetenzaufbau unerlässlich. Beschäftigte müssen befähigt werden, KI-Systeme sachgerecht einzusetzen, Ergebnisse kritisch zu bewerten und Fehlentscheidungen zu erkennen. Diese Fähigkeiten erfordern kontinuierliche Fortbildungsangebote, die nicht nur für IT-Fachpersonal, sondern ins-besondere für Fachanwenderinnen und Fachanwender sowie Führungskräfte. Ziel ist es, technisches Verständnis mit verwaltungsfachlicher Expertise zu verbinden.

Eine zentrale Voraussetzung für den nachhaltigen Einsatz von KI ist die Qualität der zugrunde liegenden Daten. Daten- und Verwaltungsarchitekturen müssen früh-zeitig überprüft und schrittweise modernisiert werden. Einheitliche Datenstandards, klare Zuständigkeiten für Datenpflege und eine saubere Schnittstellenlogik sind entscheidend, um Automatisierungen wirksam einzusetzen.

Flankierend sollte eine klare Governance etabliert werden. Dazu gehören eindeutige Verantwortlichkeiten für KI-Anwendungen, verbindliche ethische Leitplanken sowie transparente Dokumentations- und Qualitätsprozesse. Insbesondere bei automatisierten oder teilautomatisierten Entscheidungen ist sicherzustellen, dass Entscheidungswege nachvollziehbar bleiben und jederzeit menschliches Eingreifen möglich ist.

 

Transformation braucht Struktur, Vertrauen und Partner

Automatisierungen und Künstliche Intelligenz entscheiden darüber, ob die öffentliche Verwaltung dauerhaft handlungs- und leistungsfähig bleibt sowie Fachkräfte entlastet. Deshalb ist die Einführung von KI kein isoliertes IT‑Projekt, sondern eine tiefgreifende organisatorische Transformation, die Technik, Menschen, Prozesse und Recht gleichermaßen umfasst.

Wir unterstützen Verwaltungen entlang des gesamten Wegs, von der Qualifizierung der Beschäftigten über die Entwicklung tragfähiger KI‑ und Automatisierungsstrategien bis hin zur Identifikation wirtschaftlich sinnvoller Anwendungsfälle und der rechtssicheren technischen Umsetzung. Strategische Leitbilder geben Orientierung, praxisnahe Trainings schaffen Wissen und Akzeptanz, strukturierte Use‑Case‑Portfolios sorgen für Fokus und Investitionssicherheit.

Ein besonderer Mehrwert liegt in der passgenauen Auswahl und Implementierung geeigneter KI‑Lösungen. Gerade bei Plattformen und Sprachmodellen zeigt sich, dass ihre Fähigkeiten, Risiken und Einsatzgrenzen stark variieren. Systematische Benchmarks gewährleisten, dass Verwaltungen genau die Plattformen und Sprachmodelle einsetzen, die ihren fachlichen, sicherheitsrelevanten und datenschutz-rechtlichen Anforderungen entsprechen. So entsteht kein technologischer Flickenteppich, sondern ein konsistentes, verantwortungsvolles KI‑Ökosystem.

Wir begleiten die öffentliche Verwaltung genau an dieser Schnittstelle. Ziel ist es, Verwaltungen frühzeitig in die Lage zu versetzen, KI gezielt, verantwortungsvoll und nutzenorientiert einzusetzen, damit spätere Anwendungen nicht überraschen, son-dern auf einem belastbaren Fundament aufsetzen.

Denn klar ist: Die Frage ist nicht mehr, ob KI in der kommunalen Verwaltung eingesetzt wird, sondern ob Kommunen darauf vorbereitet sind.

Seit 25 Jahren unterstützen wir die öffentliche Verwaltung tatkräftig in Beratung und Prüfung. Mit unserer praktischen Erfahrung und technischem Knowhow sind wir Ihr Ansprechpartner für Automatisierungen und KI.

Sprechen Sie uns gerne an.

Aus dem Newsletter „Focus Public Sector“

 

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Quellen:
1. Agentic AI Hub: Pilotierung in Kommunen startet
2. Robotic Process Automation in der Hamburger Verwaltung