„Nachhaltigkeit braucht Augenhöhe” – Gastkommentar von Anne Wedel-Klein, CEO the nature network
Wer heute unternehmerische Verantwortung trägt, spürt es deutlich: Die Erwartungen an Nachhaltigkeit steigen – und damit auch der Handlungsdruck in den Lieferketten. Kunden und Marktbegleiter verpflichten sich zu ambitionierten Zielen, Investoren fragen nach ESG-Kriterien, Regularien werden umfangreicher und komplexer. Und oft passiert etwas, das eigentlich dem Geist der Nachhaltigkeit widerspricht: Der Druck wird in der Lieferkette nach unten weitergereicht.
Lieferanten und Vorproduzenten sehen sich mit immer neuen Auflagen konfrontiert, die sie kaum erfüllen können – schlicht, weil die finanziellen und strukturellen Voraussetzungen fehlen. Während einige große Unternehmen Nachhaltigkeitsziele stolz verkünden, bleibt unklar, wer tatsächlich in den Wandel investiert und wer ihn umsetzt.
Genau hier liegt eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit: Wenn Nachhaltigkeit auf der einen Seite der Wertschöpfungskette zur Pflicht wird, auf der anderen Seite aber zur Überforderung führt, entsteht keine Transformation, sondern eine Schieflage.
Lieferketten sind Menschenketten
Im nature network sprechen wir deshalb von „Lieferketten als Menschenketten“. Denn hinter jedem Rohstoff, jedem Produkt, jeder Zahl im Nachhaltigkeitsbericht stehen Menschen, Beziehungen und gemeinsame Ziele.
Wir glauben, dass echter Fortschritt nur gelingt, wenn entlang der gesamten Kette jede*r einen Beitrag leistet und wir mit Partnerschaftlichkeit zu tragfähigen Lösungen kommen. Dazu gehört, nicht nur Anforderungen zu formulieren, sondern Unterstützung zu leisten – fachlich, organisatorisch, manchmal auch finanziell.
Das ist weder Romantik noch Idealismus. Es ist ökonomische Vernunft. Denn eine Lieferkette, die nur auf Druck basiert, ist nicht belastbar. Eine Lieferkette, die auf Miteinander beruht, findet Antworten auf die Krisen unserer Zeit.
Augenhöhe schlägt Anweisung
Augenhöhe heißt: Wir sehen unsere Partner in der Wertschöpfung nicht als Handlanger, sondern als Mitgestalter. Wenn wir Standards entwickeln, CO₂e-Emissionen reduzieren oder Projekte für Biodiversität umsetzen, dann tun wir das im Dialog – nicht mit Druck und per Anweisung.
Ein Beispiel dafür ist mabagrown – unser aktives nachhaltiges Lieferkettenmanagement.
Wir haben es entwickelt, weil bestehende Standards und Siegel zwar oft im Schaufenster stehen, aber in der Lieferkette nicht das leisten, was uns wirklich wichtig ist: eine enge Zusammenarbeit für einen messbaren Fortschritt entlang überprüfbarer wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Kriterien.
Ein weiteres Beispiel ist unsere Go-Zero-Initiative: Bis 2030 wollen wir von unseren Standorten bis in unseren weltweiten Lieferketten hinein klimaneutral wirtschaften. Das ist ambitioniert – und es ist notwendig. Als Hersteller von Naturprodukten erleben wir die Auswirkungen des Klimawandels täglich und unmittelbar. Dürreperioden, Starkregen, Ernteausfälle – das alles betrifft unsere Rohstoffe direkt. Nachhaltigkeit ist für uns daher kein Idealismus, sondern Risikomanagement im besten Sinne.
Nachhaltigkeit als Beziehungsgeschäft
Unsere größte Erkenntnis der vergangenen Jahre lautet: Nachhaltigkeit ist kein Compliance-Thema, sondern ein Beziehungsthema.
Dort, wo Unternehmen miteinander sprechen, zuhören und voneinander lernen, entstehen Lösungen, die wirklich tragen. Dort, wo Vertrauen gewachsen ist, können Veränderungen schneller und wirksamer umgesetzt werden. Und dort, wo wirtschaftlicher Erfolg und ökologische Verantwortung nicht gegeneinander ausgespielt werden, entsteht Zukunftsfähigkeit – für beide Seiten.
Diese Haltung erfordert Mut. Mut, auf kurzfristige Effekte zu verzichten, um langfristige Stabilität zu gewinnen. Mut, in Dialoge zu investieren, die nicht immer bequem sind.
Und Mut, Verantwortung zu teilen – mit Partnern, die denselben Weg gehen wollen.
Fazit
Nachhaltigkeit braucht Augenhöhe. Sie braucht Vertrauen statt Misstrauen, Kooperation statt Druck, geteilte Verantwortung statt übertragener Lasten.
Wenn wir es schaffen, dieses Prinzip in die DNA unserer Lieferketten zu integrieren, dann entsteht mehr als nur Regelkonformität. Dann entsteht ein neues Verständnis von Wirtschaften – eines, das auf Dauer trägt.
Am Ende ist das keine moralische, sondern eine strategische Entscheidung: Weil nachhaltige Partnerschaften die einzige verlässliche Grundlage für wirtschaftliche Stabilität in unserer Zeit sind.
Anne Wedel-Klein
CEO the nature network

Als CEO der Unternehmensgruppe the nature network führt Anne Wedel-Klein das Familienunternehmen in vierter Generation. Nach internationalen Stationen in Studium und Beratung trat sie ins Management ein und baute im Familienunternehmen die Themen Nachhaltigkeit, Kultur und Kommunikation strategisch aus. Sie verbindet unternehmerische Tradition mit einem klaren Blick auf die Zukunft.
the nature network ist eine internationale tätige Unternehmensgruppe, die pflanzliche Lösungen für die Getränke-, Lebensmittel-, Nahrungsergänzungsmittel-, Pharma- und Tierernährungs-Industrie anbietet. Der Geschäftsbereich MartinBauer wurde am 5. Dezember 2025 mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet.