Nachhaltigkeit als strategischer Vorteil: Gastbeitrag von Christian Maier und Anna Wilhelm in der Börsen-Zeitung

Veröffentlicht am 21. September 2026
Lesedauer ca. 3 Minuten
Dr. Christian Maier
Partner
Wirtschaftsprüfer, CPA (U.S.), Head of Accounting, Reporting & Process Advisory
Anna Wilhelm
Partner
Head of Sustainability Services, Consultant, Sustainability Auditor IDW
Welche Chancen Familienunternehmen nutzen können – Risiken früher erkennen, Investitionen gezielter steuern und Wettbewerbsfähigkeit sichern

Quelle: Börsen-Zeitung, zuerst erschienen am 18.9.2026

Nachhaltigkeit ist für Familienunternehmen längst mehr als eine Frage von Reputation und gesellschaftlicher Verantwortung. Sie wird zunehmend zum strategischen Thema, das durch regulatorische Vorgaben und die damit einhergehenden Anforderungen von Kunden, Banken und Geschäftspartnern geprägt wird. Zwar werden bestehende Regelwerke fortlaufend angepasst und teilweise vereinfacht. Wer daraus jedoch auf eine nachlassende Relevanz des Themas schließt, greift zu kurz: Nachhaltigkeitsanforderungen beeinflussen Geschäftsmodelle, Lieferketten, Investitionsentscheidungen und Finanzierungsmöglichkeiten. Für Familienunternehmen kommt es daher nicht allein darauf an, Pflichten zu erfüllen. Entscheidend ist vielmehr, frühzeitig zu erkennen, welche Auswirkungen die Anforderungen auf die langfristige Unternehmensentwicklung haben und wie sie sich strategisch nutzen lassen.

Ins Kerngeschäft gerückt

Die Nachhaltigkeitsanforderungen reichen von Transparenz- und Offenlegungspflichten über Lieferkettensorgfaltspflichten bis hin zu Vorgaben für Produkte und Verpackungen. Durch Regelwerke wie die Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), Corporate Sustainability DueDiligence Directive (CSDDD), EU-Entwaldungsverordnung (EUDR) und EU-Verpackungsverordnung (PPWR) wird Nachhaltigkeit zunehmend im operativen Geschäft verankert. Dabei sind Familienunternehmen auch dann betroffen, wenn sie selbst nicht unmittelbar in den Anwenderkreis einer Vorschrift fallen, da Anforderungen über Geschäftsbeziehungen weitergegeben werden: Kunden verlangen ESG-Informationen (Environment Social Governance) von Zulieferern, Banken berücksichtigen Nachhaltigkeitsrisiken bei Kreditprüfungen und Geschäftspartner erwarten Angaben zur Lieferkette. Nachhaltigkeit wirkt damit auf das Geschäftsmodell und sollte in alle relevanten Funktionen integriert werden. Dies zeigt sich beispielhaft bei der PPWR: Die neuen Anforderungen an Recyclingfähigkeit und Materialeinsatz führen dazu, dass Unternehmen Produkte weiterentwickeln, Lieferanten wechseln oder Produktionsprozesse anpassen müssen. Die Regulierung gibt hierbei den Anlass für  Veränderungen – die unternehmerische Aufgabe ist es, daraus sinnvolle Lösungen für das eigene Geschäftsmodell zu generieren. Wer dies frühzeitig erkennt, kann Investitionen besser planen, statt erst unter Handlungsdruck zu reagieren.

Familienunternehmen bringen dafür eine besondere Voraussetzung mit. Ihre Entscheidungen sind in der Regel nicht an kurzfristigen Ergebnissen ausgerichtet. Wo Eigentum und Unternehmensführung eng verbunden sind, geht es stärker darum, wie das Unternehmen langfristig aufgestellt sein soll. Nachhaltigkeit ist damit ein Thema der Eigentümerstrategie. Welche Teile des Geschäftsmodells müssen weiterentwickelt werden? Wo sind Investitionen erforderlich? Welche Abhängigkeiten von Lieferanten, Rohstoffen oder Energiequellen könnten künftig zum Risiko werden? Und wie kann die Resilienz des Unternehmens langfristig verbessert werden? Derartige Fragen gehören auf die strategische Agenda und sollten nicht erst diskutiert werden, wenn der Handlungsdruck bereits groß ist.

Wirtschaftliche Chancen

Dass nachhaltigkeitsbezogene Investitionen und Compliance-Anforderungen zunächst Kosten verursachen, ist hierbei nicht von der Hand zu weisen. Doch gerade dort, wo regulatorischer Handlungsdruck mit ohnehin notwendigen Modernisierungen und Maßnahmen zusammentrifft, können sich wirtschaftliche Chancen ergeben. Energieeffiziente Produktionsanlagen, eine eigene Energieversorgung aus erneuerbarer Energie oder transparente Lieferketten können den Ressourcenverbrauch senken, Betriebskosten reduzieren und Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten oder volatilen Energiepreisen verringern. Gerade für Familienunternehmen kann auch die soziale Dimension zum Wettbewerbsvorteil werden. Wer in Weiterbildung, gute Arbeitsbedingungen und eine glaubwürdige Unternehmenskultur investiert, stärkt die Bindung der Beschäftigten und kann sich im Wettbewerb um Fachkräfte besser positionieren. Zudem können Transparenz und eine nachhaltige Unternehmensausrichtung den Zugang zu Kapital beeinflussen, da Börsen-Zeitung, 18.9.2026 Banken Nachhaltigkeitskriterien zunehmend in Kreditvergabe und Risikomanagement einbeziehen. Transparente ESG-Daten und nachvollziehbare Transformationspläne können daher die Unsicherheit bei der Beurteilung der Risiken für die Banken reduzieren. Viele Familienunternehmen erleben die wachsende Nachhaltigkeitsregulierung als Belastung. In der Tat geht mit der Umsetzung häufig ein bürokratischer Aufwand einher. Die wirtschaftlichen Treiber bleiben jedoch bestehen: Kunden achten auf Lieferketten, Banken auf Risiken und Unternehmen auf Energie-, Ressourcen- und Beschaffungskosten.

Handlungsspielräume gewinnen

Für Familienunternehmen kommt es deshalb darauf an, über die einzelne Vorschrift hinauszublicken und die Folgen für das eigene Geschäftsmodell zu erkennen. Wer Nachhaltigkeit mit Investitionsentscheidungen, Risikomanagement und Governance verbindet, kann Handlungsspielräume gewinnen und vorausschauende strategische Anpassungen vornehmen. Gerade die langfristige Orientierung vieler Familienunternehmen wird hierbei zum Vorteil. Nachhaltigkeit wird damit weder zum Selbstzweck noch zur reinen Compliance Aufgabe. Gerade Familienunternehmen kann sie helfen, Risiken früher zu erkennen, Investitionen gezielter zu steuern und die Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.