Veröffentlicht am 1. April 2026
Lesedauer ca. 7 Minuten

Nachhaltigkeitsrendite und Wirkungsorientierung: Was Kommunen jetzt im Haushalt verankern sollten

  • Kommunaler Haushalt als wichtigstes Steuerungsinstrument für nachhaltige Entwicklung
  • Wachsende Kopplung von Fördermitteln und Kreditvergaben an Nachhaltigkeitskriterien
  • Kurzfristige Haushaltskonsolidierung verbunden mit langfristiger Zukunftsfähigkeit
Thomas Hück
Manager
Wirtschaftsprüfer
Patrick Preußer
Associate Partner
Diplom-Betriebswirt (FH), Master of Science, Steuerberater, Zertifizierter Compliance Officer
Wie können Kommunen ihre Mittel so einsetzen, dass sie eine größtmögliche, zielgerichtete Wirkung entfalten? Eine rein inputorientierte Haushaltssteuerung liefert darauf keine ausreichende Antwort.

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Kommunen in Deutschland stehen vor einer doppelten Aufgabe: Einerseits gilt es, erhebliche Investitionsrückstände aufzulösen, etwa bei Schulen, Straßen und digitaler Infrastruk­tur. Andererseits eröffnen sich mit dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität (SVIK) und neuen Förderku­lissen so viele Gestaltungsmöglichkeiten wie selten zuvor.

Die entscheidende Frage lautet: Wie können Kommunen ihre Mittel so einsetzen, dass sie eine größtmögliche, zielgerichte­te Wirkung entfalten? Eine rein inputorientierte Haushalts­steuerung, wie sie bis zur Einführung des NKF / NKR gang und gäbe war und sie auch heute noch in einigen Kommunen gelebt wird, liefert darauf keine ausreichende Antwort. Der wirkungsorientierte Nachhaltigkeitshaushalt hingegen bietet genau diesen Ansatz. Er verknüpft finanzielle Ressourcen systematisch mit messbaren Nachhaltigkeitszielen und schafft damit eine Grundlage für strategische Priorisierung.

Von der Mittelverwendung zur Wirkungssteuerung

Die klassische doppische Haushaltsführung beantwortet zuverlässig die Frage, wofür eine Kommune ihr Geld ausgibt. Was sie in der Regel nicht leistet, ist eine Aussage darüber, welche Wirkung diese Ausgaben tatsächlich erzielen. Genau hier setzt das Konzept der Wirkungsorientierung an. Es verknüpft finanzielle Ressourcen systematisch mit messba­ren Zielen und schafft damit eine belastbare Grundlage für strategische Entscheidungen.

Konkret bedeutet dies, dass kommunale Produkte und Produktgruppen nicht nur mit Input-Kennzahlen (Finanzmit­teln), sondern zusätzlich mit Output-Kennzahlen (erbrachten Leistungen) und im besten Fall mit Impact-Kennzahlen hinterlegt werden, die die tatsächliche Wirkung auf definierte Nachhaltigkeitsziele messen. Dieser Dreiklang aus Input, Output und Impact bildet das Rückgrat eines wirkungsorien­tierten Haushalts.

Der Nachhaltigkeitshaushalt: Vom Konzept zum Steuerungsinstrument

Der wirkungsorientierte Ansatz entfaltet seinen vollen Nutzen besonders dann, wenn er in ein übergeordnetes Rahmenwerk eingebettet wird, den sogenannten Nachhaltigkeitshaushalt. Dieser geht über die bloße Einführung einzelner Kennzahlen hinaus und verbindet die kommunale Finanzplanung systematisch mit den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen, den sog. „Sustainable Development Goals” (SDGs). Im Kern bedeutet das, dass kommunale Produkte, Budgets und Investitionsentscheidungen an definierten Nachhaltigkeitszielen ausgerichtet und auf ihre Wirkung hin überprüft werden.

International hat sich hierfür der Begriff „Green Budgeting” etabliert, der von der OECD und verschiedenen EU-Institutionen vorangetrieben wird. In Deutschland findet die Diskussion unter dem Begriff des „SDG-Budgeting” oder „Nachhaltigkeitshaushalts” statt. Die Ansätze unterscheiden sich im Detail, teilen aber eine gemeinsame Grundlogik. Haushaltsmittel sollen nicht nur effizient, sondern auch wirksam im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung eingesetzt werden. Die methodischen Bausteine reichen dabei von der Zuordnung kommunaler Produkte zu einzelnen SDGs über die Entwicklung nachhaltigkeitsbezogener Indikatoren bis hin zu integrierten Berichts- und Steuerungssystemen.

Ein besonders wirkungsvolles Instrument innerhalb dieses Rahmens ist die Nachhaltigkeitsrendite. Während die SDG-Zuordnung und das Indikatorensystem den strategischen Rahmen bilden, ermöglicht die Nachhaltigkeitsrendite eine konkrete Bewertung einzelner Investitionsentscheidungen. Damit wird dann die Lücke zwischen strategischer Zielsetzung und operativer Haushaltssteuerung geschlossen.

Nachhaltigkeitsrendite: Ein neues Bewertungsinstrument

Ein zentrales Werkzeug in diesem Kontext ist die sogenannte Nachhaltigkeitsrendite. Sie wurde maßgeblich vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) entwickelt und ermöglicht es, Investitionen nicht nur nach ihrem monetären Ertrag, sondern auch nach ihrem nicht-monetären Mehrwert und der langfristigen Vermeidung von Folgekosten zu bewerten. Eine Investition in die energetische Sanierung eines Schulgebäudes lässt sich so nicht nur anhand der Baukosten und eingesparten Energiekosten beurteilen, sondern auch anhand vermiedener Klimaschäden und verbesserter Lernbedingungen.

Für Kämmereien hat das einen unmittelbaren praktischen Nutzen. Die Nachhaltigkeitsrendite liefert belastbare Argumente, um beispielsweise höhere Ausgaben für Investitionen mit Wirkung für die Zukunft gegenüber kurzfristig kostengünstigeren, konsumtiven Ausgaben zu verteidigen. Gerade in Zeiten knapper Kassen entsteht so eine rationale Entscheidungsgrundlage, die über das nächste Haushaltsjahr hinausdenkt.

Das Klassifizierungsschema: Fünf Dimensionen, drei Reifegrade

Einen methodischen Rahmen für die Einführung wirkungsorientierter Nachhaltigkeitshaushalte bietet beispielsweise das von der Landesarbeitsgemeinschaft Agenda 21 NRW entwickelte Klassifizierungsschema. Es definiert fünf Dimensionen, anhand derer sich der Reifegrad eines kommunalen Nachhaltigkeitshaushalts messen lässt:

  • Organisatorische Verankerungstiefe ( Nachhaltigkeit als Querschnittsaufgabe oder als Einzelressort?)
  • Detailgrad der Kennzahlen (Einordnung der Schlüsselkennzahlen entlang der Wirkungskette, von Input bis Impact)
  • Steuerungsrelevanz (informativ oder budgetwirksam?)
  • Integration in die Budgetierung (auf Ebene der Produkte und Produktgruppen)
  • Monitoring und Transparenz (kontinuierliches Berichtswesen gegenüber Politik und Bürgerschaft)

Nachhaltigkeitsrendite und Wirkungsorientierung für Kommunen: Klassifizierungsschema: Fünf Dimensionen, drei Reifegrade

Daraus ergeben sich drei Reifegrade. Der Einstiegsansatz beschränkt sich auf die Zuordnung einzelner Pilotprodukte zu den SDGs, während die Steuerung weiterhin primär finanziell erfolgt. Der fortgeschrittene Ansatz integriert Nachhaltigkeitsziele in weiten Teilen des Produkthaushalts mit definierten Indikatorensets. Der professionelle Nachhaltigkeitshaushalt schließlich macht Nachhaltigkeit zum leitenden Paradigma der Haushaltsführung. Alle Finanzentscheidungen werden unter Berücksichtigung der Nachhaltigkeitsrendite und bestehender Zielkonflikte zwischen verschiedenen SDGs getroffen.

Aus der Praxis: Unterschiedliche Wege, ein gemeinsames Ziel

Die praktische Umsetzung zeigt, dass es nicht den einen Weg zum wirkungsorientierten (Nachhaltigkeits-)Haushalt gibt. Vielmehr wählen Kommunen je nach Ausgangslage und Kapazität unterschiedliche Zugänge.

Eine Großstadt in Süddeutschland hat über die Emission eines Green Bonds ein transparentes Rahmenwerk geschaffen, dessen Kennzahlen (etwa CO₂-Einsparung durch Infrastrukturprojekte oder Primärenergiebedarf von Neubauten) sukzessive in das allgemeine Haushaltscontrolling überführt werden. Das Ziel: eine vollständige Umstellung auf Wirkungsorientierung bis Ende 2026.

Mehrere Städte in Nordrhein-Westfalen verfolgen einen anderen Ansatz. Im Rahmen strukturierter Prozessketten arbeiten sie daran, für jedes Produkt im Haushalt nachhaltigkeitsorientierte Kennzahlen auszuweisen. Einige Kommunen haben bereits eine Nachhaltigkeitsstrategie verabschiedet, die auf dem Prinzip der „starken Nachhaltigkeit” basiert, und soziale und ökonomische Ziele konsequent innerhalb ökologischer Belastungsgrenzen formuliert. Andere Kommunen entwickeln spezifische Indikatoren, die direkt in den Produkthaushalt einfließen.

Es gibt auch Kreise, die aufzeigen, wie sich Nachhaltigkeitsüberlegungen auf Kreisebene finanziell auswirken können. Da Kreise sich über die Umlagen ihrer kreisangehörigen Städte und Gemeinden finanzieren, ist die Effizienz der Kreisausgaben für die gesamte Region von unmittelbarer Bedeutung. Beispielsweise hat sich ein Kreis für eine investive Sanierung seines Kreishauses unter energetischen Gesichtspunkten entschieden. Das Gesamtkonzept verbindet Energieeinsparung, moderne Arbeitsplatzgestaltung und langfristige Betriebskostenreduktion.

Die Logik dahinter ist es, dass sinkende Betriebskosten den Kreishaushalt entlasten und dazu beitragen, die Kreisumlage stabil zu halten. Davon profitieren indirekt alle kreisangehörigen Kommunen.

Das Sondervermögen als Katalysator

Mit dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität (SVIK) hat der Bund im März 2025 ein Finanzierungsinstrument von EUR 500 Mrd. geschaffen, das die Investitionslandschaft grundlegend verändert. Für Kommunen ist dabei vor allem relevant, dass die Mittelvergabe zunehmend an qualitative Nachhaltigkeitskriterien geknüpft wird. In einigen Bundesländern ist die Förderung bereits an die Berichterstattung nach dem Standard BNK 2.0 (Berichtsrahmen Nachhaltige Kommune) oder die Teilnahme an strukturierten Nachhaltigkeitsprozessen gekoppelt.

Das KfW-Kommunalpanel belegt, dass Kommunen mit einem integrierten Nachhaltigkeitsmanagement erfolgreicher bei der Einwerbung von Drittmitteln sind und ihre Investitionsquote trotz Defizits stabilisieren konnten. Der wirkungsorientierte Haushalt wird damit zum strategischen Instrument, um die Vielzahl an Förderzugängen zu bündeln und auf die eigenen Ziele auszurichten.

Was Kommunen jetzt tun sollten

Der Einstieg in die Wirkungsorientierung muss nicht mit einem Großprojekt beginnen. Entscheidend ist ein strukturierter Anfang. Eine Bestandsaufnahme der vorhandenen Kennzahlen und deren Zuordnung zu den SDGs kann ein wirkungsvoller erster Schritt sein. Wichtig ist, frühzeitig zu klären, welche Daten bereits vorliegen, welche erhoben werden müssen und wo Lücken akzeptabel sind.

Ebenso empfiehlt sich eine klare Verankerung in der Organisation. Wirkungsorientierung funktioniert nur, wenn sie als Querschnittsaufgabe verstanden wird und nicht in einer einzelnen Stabsstelle verbleibt. Kämmerei, Fachbereiche und kommunale Unternehmen müssen gemeinsam an einem konsistenten Indikatorenset arbeiten.

Darüber hinaus sollten Kommunen die Verbindung zur Förderlandschaft aktiv nutzen. So eignet sich die Nachhaltigkeitsrendite als Bewertungsinstrument hervorragend, um Förderanträge zu untermauern und die Wirtschaftlichkeit von Investitionen gegenüber Aufsichtsbehörden nachzuweisen. Gerade für Kommunen in der Haushaltssicherung kann dies neue Handlungsspielräume eröffnen.

Ausblick: Der Haushalt als strategischer Kompass

Die Kopplung von Fördermitteln und Kreditvergaben an Nachhaltigkeitskriterien wird sich in den kommenden Jahren verstärken. Die EU-Taxonomie, nationale Nachhaltigkeitsstrategien, die Vergabe grüner Kommunalkredite oder die konditionierte Mittelvergabe des SVIK setzen klare Signale. Kommunen, die heute die Grundlagen für einen wirkungsorientierten Haushalt schaffen, investieren in ihre langfristige Handlungsfähigkeit.

Der Nachhaltigkeitshaushalt hat sich damit vom Nischeninstrument zu einem zentralen Element kommunaler Finanzsteuerung entwickelt. Er verbindet kurzfristige Haushaltskonsolidierung mit langfristiger Zukunftsfähigkeit und macht Nachhaltigkeit dort sichtbar, wo sie am wirksamsten ist, in der konkreten Mittelallokation.


Als Wegbegleiter und Wegbereiter unterstützen wir Kommunen und kommunale Unternehmen beim Aufbau wirkungsorientierter Haushaltsstrukturen. Von der Bestandsaufnahme über die Entwicklung geeigneter Indikatorensets bis zur Integration in das kommunale Berichtswesen. Mit interdisziplinärer Expertise, analytischer Schärfe und einem tiefen Verständnis für kommunale Steuerungslogik.

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