Nordamerika: Perspektiven im neuen Handelsgefüge
- Aus dem Wirtschaftsmagazin "Entrepreneur", Ausgabe 2026
Das United-States-Mexico-Canada-Agreement (USMCA)
Das USMCA bildet seit 2020 den handelspolitischen Rahmen für Nordamerika und ersetzt das NAFTA-Abkommen von 1991. Damit wird Nordamerika zu einem einheitlichen Handelsraum.
- Zollfreiheit: Waren können innerhalb des Dreiecks USA–Mexiko–Kanada grundsätzlich zollfrei gehandelt werden, sofern sie die Ursprungsregeln erfüllen.
- Kein gemeinsamer Außenzoll: Im Gegensatz zur EU verfügt das USMCA nicht über einen gemeinsamen Außenzoll, das heißt, die Mitgliedstaaten handeln außenhandelspolitisch nicht einheitlich.
- Nationale Zollsätze: Jedes Land behält seine eigenen Zollsätze gegenüber Drittstaaten bei. Gemeinsame Ursprungsregeln verhindern den Umgehungshandel, indem sie vorschreiben, dass importierte Waren entweder einer neuen Zolltarifklassifikation zugeordnet, ein bestimmter regionaler Wertschöpfungsanteil hinzugefügt oder eine Wertsteigerung nachgewiesen werden muss, damit sie als nordamerikanisch hergestellt gelten und somit für den zollfreien Handel qualifiziert sind.
Die Sunset-Klausel
Das USMCA ist das einzige Freihandelsabkommen weltweit, das eine sogenannte Sunset-Klausel enthält. Zum sechsten Jahrestag, dem 1. Juli 2026, beginnt der formelle „Joint Review“-Prozess. Alle drei Staaten müssen schriftlich bestätigen, dass sie das Abkommen fortführen möchten, damit es um weitere 16 Jahre verlängert wird. Andernfalls folgen jährliche Überprüfungen. Kann bis dahin keine Einigung erzielt werden, läuft das Abkommen spätestens im Jahr 2036 aus. Diese Regelung führt zu erheblichen Planungsunsicherheiten und macht einen erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen zur Voraussetzung für sämtliche Investitionsentscheidungen.
Die China-Klausel
Das USMCA untersagt es allen drei Mitgliedstaaten zudem, Freihandelsabkommen mit sogenannten Nicht-Marktwirtschaften, also Ländern ohne freie Marktwirtschaft, abzuschließen. Diese Bestimmung richtet sich insbesondere gegen China: Solange das USMCA in Kraft ist, wird es kein Freihandelsabkommen zwischen Kanada oder Mexiko und China geben. In einem vorauseilenden Schritt, um den politischen Erwartungen aus den USA gerecht zu werden, erwägt Mexiko sogar ein vollständiges Verbot chinesischer Direktinvestitionen.
Nearshoring
Der globale Handel fragmentiert sich: Unternehmen diversifizieren ihre Lieferketten, um Abhängigkeiten von langen Seewegen und geopolitischen Schwachstellen zu reduzieren. Ein zentrales Konzept ist dabei das sogenannte Nearshoring. Darunter versteht man den Aufbau von Produktions- und Wertschöpfungsstrukturen in unmittelbarer Nähe zum Absatzmarkt. Es wird zunehmend „local for local“ direkt im Absatzland oder in dessen Nähe produziert. Im Gegensatz zur Vergangenheit werden dabei höhere Arbeitskosten pro Einheit in Kauf genommen, um von kürzeren Lieferketten zu profitieren. Diese sind weniger anfällig für Störungen, etwa infolge von Konflikten oder Kriegen, und ermöglichen somit eine höhere Steuerbarkeit.
Die Entstehung globaler Handelsblöcke
Infolge des Nearshorings scheinen sich globale Regionen zunehmend zu Handelsblöcken zu formieren: Nordamerika bildet einen solchen Block; zugleich gewinnen China und Indien weiter an Bedeutung. In ihrem Rohstoffhandel mit Russland fühlen sie sich nicht an Sanktionen gebunden.
Als neuer Akteur hat sich Südamerika durch das Freihandelsabkommen zwischen MERCOSUR und der EU auf der globalen Landkarte positioniert. Europa befindet sich dabei in einer Zwickmühle: Die Region vereint zwar weltweit führende Hochtechnologiekompetenz und qualifizierte Arbeitskräfte, kämpft jedoch zugleich mit der Absicherung benötigter Rohstoffe und begrenztem zollfreien Marktzugang in China und den USA.
Zugang zum US-Markt über Kanada und Mexiko
Ein transatlantisches Freihandelsabkommen zwischen den USA und Europa – und damit zollfreier Zugang – scheint heute ferner denn je, selbst nach Donald Trump: TTIP scheiterte damals unter anderem am „Chlorhähnchen“, das symbolisch im Jahr 2016 sein letztes Krähen vernehmen ließ. Europa verfügt aber mit den Handelswegen über Mexiko und Kanada seit Langem über zwei verlässliche und bewährte Zugänge zum nordamerikanischen Markt:
- Kanada: Das seit 2017 geltende Freihandelsabkommen CETA zwischen der EU und Kanada umfasst weitreichen de Zollsenkungen von 99 Prozent der zuvor bestehenden Zölle sowie erleichterten Marktzugang, was bereits zur Ansiedlung zahlreicher deutscher Unternehmen geführt hat.
- Mexiko: Das gerade erneuerte Freihandelsabkommen zwischen der EU und Kanada sich seit seinem Inkrafttreten im Jahr 2000 als bedeutender Wachstumstreiber erwiesen. Nach dem schon 2000 fast aller Zölle auf Industrie güter weggefallen sind, werden jetzt auch die Zölle auf EU-Agrarprodukte deutlich sinken.
- Über den Umweg in die USA: Werden Waren unter präferenziellen Zollbedingungen nach Kanada oder Mexiko eingeführt und dort so weiterverarbeitet, dass die Ursprungsregeln des USMCA erfüllt sind, kann das daraus entstehende Produkt zollfrei in die USA exportiert werden. Über diesen Umweg erhält das Produkt somit zollfreien Zugang zum zentralen US-Markt.
Handlungsempfehlungen
- Ursprungsnachweise frühzeitig klären: Je nach Route
- REX für CETA oder
- EUR.1 für das EU-Mexiko-Freihandelsabkommen frühzeitig beantragen und Prozesse für Prüfungen/ Verifizierungen etablieren.
- Länderspezifische Produktionsschwerpunkte:
- Mexiko: geeignet für arbeitsintensive, kostengünstige Produktion.
- USA: ideal für marktorientierte F&E, Markteintritt („Go-to-Market“) und Vertriebsgesellschaften.
- Kanada: attraktiv in Bezug auf Rohstoffe (Bergbau, Holz), Fachkräftepools sowie als Standort für Hightech-Unternehmen.
- Investitionen skalierbar gestalten: Neue Investitionen sollten möglichst flexibel skalierbar sein, um die Produktion bei Krisen in anderen Weltregionen verlagern zu können.
- Strategischer Ansatz: Wer Nordamerika nicht als einzelnen Markt, sondern als integrierten Handelsraum mit zwei europäischen Zugangspunkten betrachtet, kann die USMCA-Überprüfung 2026 von einer Bedrohung in einen strategischen Vorteil verwandeln. Ursprung und Wertschöpfung sollten von Beginn an fester Bestandteil der Standort- und Produktstrategie sein.