Private Shared Service Center – Hinweise zu einem Modell für den Mittelstand
Neben den Klassikern Offshoring und Outsourcing sind das die Trends um Shared Services oder in der weiterentwickelten Form als Gobal Business Services.
Procurement to Payment
Der Prozess „Procurement to Payment” gilt als Klassiker bei BPO oder Shared Service Center-Überlegungen. Er befindet sich jedoch international im Wandel.
In der Buchhaltung wird als einer der ersten Prozesse meist der Kreditoren-Prozess betrachtet. Die Mehrheit der Unternehmen hat nicht nur ein ansehnliches Transaktionsvolumen, sondern meist auch verlässliche Zahlen, auf deren Basis ein Szenario kalkuliert werden kann. Anzahl der Eingangsrechnungen bei Anzahl der Kreditoren, Option zur sog. „Dunkelbuchung” – also dem vollautomatischen Buchen von Eingangsrechnungen ohne manuellen Eingriff, wenn ein Bestellbezug vorliegt: All das sind quantitative Daten, die aus einem ERP-System ausgewertet werden können, um eine ordentliche Kalkulation erstellen zu können. Auch kann anhand solcher Daten eine potenzielle Schnittstelle zwischen einem internen und einem externen Anbieter gut beschrieben werden. Ein Scope lässt sich also recht exakt festlegen.
Steuerliche Anforderungen
Anders wird das schon, wenn mehrere Tochtergesellschaften aus mehreren Ländern in einem Standort abgebildet werden sollen. Hier wären zusätzlich qualitative Informationen zu erheben: z.B. welche Sprachen verwendet und somit abgebildet werden müssen, wie viele komplexe Vorgänge auch mit steuerlichem Bezug anfallen, die nur von einem Spezialisten im Land beurteilt werden können oder auch welche grundsätzlichen Besonderheiten rechtlicher Natur es im Land gibt, die nur schwer oder gar nicht zentralisierbar sind. Die (steuer)rechtlichen Anforderungen einzelner Länder werden immer heterogener, sodass Synergien wieder abschmelzen und mehr lokale Experten benötigt werden.
Umsetzungshindernisse
Wir finden in der Praxis oft sog. „Shared Service Center”, doch bei genauerem Hinsehen wird die buchhalterische Basisarbeit nach wie vor im jeweiligen Land gemacht. Echte Einsparungen auf Full Time Equivalent (FTE)-Basis sind zwar marginal vorhanden, weil Themen wie Stammdatenverwaltung oder Prozesssteuerung einheitlich bearbeitet werden, aber mit dem Gedanken eines echten Shared Service Centers hat das nichts zu tun. Man findet in der Praxis sogar zentrale Buchhaltungsabteilungen in Indien vor, bei denen für jede Tochtergesellschaft ein externer Steuerberater laufend jede einzelne Buchung nochmals prüft, da das zentrale Team nicht in der Lage ist, die Compliance von 27 EU-Ländern zu überblicken. An wirkliche Einsparungen ist bei so einem Konzept nicht zu denken. Mittelstandskonform ist es ebenfalls nicht.
Die Lösung: Hybride Modelle
Voraussetzung für einen finanziellen Synergieeffekt ist, dass tatsächlich Ressourcen abgebaut werden können, um so Kosten zu sparen. Als Faustregel im internationalen Mittelstand hat es sich bewährt, dass alle Prozesse sich zur Zusammenfassung einigen, in der sich mehr als drei FTEs pro Land oder pro Einheit mit exakt dem gleichen Prozess beschäftigen.
Die Schwelle für finanzielle Synergien liegt also recht hoch, wenn man nach einem Total Cost of Ownership-Konzept exakt kalkuliert. In solch einem Fall wären hybride Modelle, eine Mischung aus Outsourcing und Shared Services oder sog. „Private Shared Services” ein möglicher Lösungsweg. Dabei wird nicht auf umfassende Shared Service Center-Ressourcen eines großen Providers zugegriffen, sondern es werden die Prozesse, bei denen es sich lohnt (bspw. Erfassung aller Europäischen Kreditoren-Rechnungen), in eigens dafür zusammengestellten Teams bei einem externen Provider gebündelt. Diese Teams nutzen dann die Software des Auftraggebers (z.B. SAP) und können so in einer Standardumgebung auch Standardprozesse abarbeiten. Komplexe Fälle werden entweder mit entsprechendem Know-how beim Auftraggeber oder durch den Auftragnehmer mit Spezialisten im jeweiligen Land gelöst. Mit dem Konstrukt lassen sich individuelle, maßgeschneiderte Lösungen entwickeln, die gleichzeitig vorhandene Ressourcen nutzen und so Skaleneffekte und Synergien schaffen, die kostenseitig weitergegeben werden können. Und ein nicht zu vernachlässigenderer Effekt: Im Moment ist die größte und teuerste Herausforderung im Backoffice, qualifizierte Mitarbeiter selbst suchen, ausbilden, motivieren und langfristig binden zu müssen. Das Problem kann auch mit dem hybriden Ansatz wirkungsvoll ausgelagert werden.