Resilienz statt Abhängigkeit – Lehren aus dem Irankrieg und Wege aus der globalen Verwundbarkeit für den deutschen Mittelstand
- Fossile Weltwirtschaft systemisch anfällig für geopolitische Störungen
- Strukturelle Antwort auf dieses Problem bekannt und technologisch verfügbar
- Nachhaltige Transformation beginnt mit einer ehrlichen Analyse
- Neue Chancen für Modernisierung und strategische Neuausrichtung
Alternative Transportrouten stehen nur begrenzt zur Verfügung, zugleich füllen sich lokale Lagerkapazitäten und leeren sich Speicher bei den ölverbrauchenden Staaten. Infolge der vollen Lager haben die Golfstaaten ihre gesamte Ölproduktion um mindestens 10 Mio. Barrel pro Tag gedrosselt.2 Auch bei theoretischer sofortiger Beendigung des Konflikts steuern die globalen Märkte gerade erst auf den Höhepunkt der Krise zu. Sie entfaltet ihre Auswirkungen auf die globale Wirtschaft in mehreren aufeinanderfolgenden Phasen. Preissteigerungen, Gefährdung globaler Lieferketten und Rückkopplungseffekte beeinflussen die globale Wirtschaft und Deutschland erheblich.
Manche Lieferketten bekommen die Folgen unmittelbar zu spüren, bei anderen zeigen sich die Probleme erst nach Wochen oder sogar Monaten. Diese strukturelle Bedrohung wird erst dann ersichtlich, wenn Lagerbestände aufgebraucht, wichtige Vorprodukte fehlen und Produktionsprozesse ins Stocken geraten sind. Gerade diese zeitliche Verzögerung macht die Situation besonders riskant, und zeigt
vorrangig die Dringlichkeit von strategischem Risikomanagement, und – eng damit verknüpft – der Relevanz nachhaltiger Transformation für Unternehmen auf.
Update 9. April 2026:
Nach dem am 8. April 20263 vereinbarten vorläufigen zweiwöchigen Waffenstillstand zwischen den USA und dem Iran gaben sowohl der Brent- als auch die WTI-Preis um rund 13 – 16% nach, ein Signal für die vorsichtig optimistischen Erwartungen an den Weltmärkten. Gleichwohl spiegeln die Preise weiterhin erhebliche Unsicherheiten wider und liegen deutlich über dem Vorkrisenniveau.
Anhaltend hohe Risikoprämien, eine zurückhaltende Routenplanung sowie fortbestehende geopolitische Spannungen verdeutlichen, dass von einer Normalisierung der Lage noch keine Rede sein kann. Zwar ist die Straße von Hormus faktisch wieder geöffnet, jedoch erhebt der Iran inzwischen erhebliche Transitgebühren von bis zu 2 Millionen US-Dollar pro Tankerpassage, zahlbar wahlweise in Yuan oder Kryptowährungen. Ausnahmen gelten lediglich selektiv, etwa für China oder den Irak.4
Laut ABC durchquerten am Vortag lediglich sieben Schiffe die Meerenge – ein Niveau, das die bestehenden Engpässe in den globalen Lieferketten weiter verschärft. Zudem transportierten sechs dieser sieben Schiffe Massengüter statt Öl.5 Parallel dazu werfen die anhaltenden Spannungen im Zusammenhang mit israelischen Angriffen auf den Libanon erhebliche Zweifel an der Tragfähigkeit des Waffenstillstands über den 9. April hinaus auf. Insgesamt bleibt die Krise damit ungelöst, und ihre wirtschaftlichen Auswirkungen sind weiterhin deutlich spürbar – nicht zuletzt im anhaltend erhöhten Preisniveau.6
Die drei Phasen
Die Wirkung des Iran-Konflikts auf Unternehmen lässt sich in drei Phasen beschreiben, die sich in ihrer Wirkung überlagern:
Phase 1: Unmittelbare Preissteigerungen von Öl und Gas
Phase 2: Versorgungssicherheit globaler Lieferketten
Phase 3: Makroökonomische Rückkopplungen
Phase 1: Unmittelbare Preissteigerungen von Öl und Gas
Im Zuge der Angriffe kam es zu einem direkten deutlichen Anstieg der Preise für Öl und Erdgas. Am Montag, dem 30. März 2026, überschritt der WTI-Preis die Marke von 100 US-Dollar pro Barrel. Die Nordseesorte Brent notierte mit über 115 US-Dollar pro Barrel (Stand 30.3.2026) sogar noch höher und spiegelte damit zusätzliche Risikoaufschläge wider:

Grafik 1: Entwicklung des Brent-Ölpreis im März 2026⁷
Seit Beginn des Konflikts haben sich die Ölpreise zeitweise nahezu verdoppelt, während der Gaspreis im Vergleich dazu weniger stark gestiegen ist. Die europäischen Erdgas-Futures kletterten am 30.3.2026 auf 55,6 € pro MWh und verzeichneten damit im Verlauf des Monats März einen Anstieg von insgesamt 73 %8:

Grafik 2: Entwicklung des TTF-Gaspreis im März 2026⁹
Diese Preisentwicklung wirkt über das sogenannte Merit-Order-Prinzip unmittelbar auf die Strompreise durch: Da Gaskraftwerke in Europa häufig die preissetzenden Grenzkraftwerke im Strommarkt sind, erhöht jeder Anstieg des Gaspreises die Grenzkosten der Stromerzeugung, und damit den Marktpreis für Strom insgesamt.10 Die Wirkung ist jedoch in den europäischen Ländern sehr unterschiedlich. Länder mit hohem Anteil erneuerbarer Energien sind deutlich weniger betroffen, da Gaskraftwerke seltener preissetzend sind. Länder mit stärkerer Abhängigkeit von fossilen Energieträgern, etwa in Teilen Osteuropas oder Italiens, weisen hingegen eine höhere Sensitivität der Strompreise gegenüber Gaspreisen auf.

Tabelle 1: Vergleiche des Strommixes europäischer Länder in 2024. Quelle: Statista
Aufschlag damit doppelt: einmal direkt als Gaskosten für den eigenen Gasverbrauch und einmal indirekt als Stromkosten. In weiterer Perspektive werden sowohl die steigenden Gasnetzentgelte (immer weniger Gaskunden zahlen für die bestehende Infrastruktur) sowie der kommende ETS2-Zertifikatspreis11 die Gaskosten steigen lassen.
Auch die Treibstoff- und Heizölpreise hängen eng mit dem Rohölpreis zusammen. Infolge des Iran-Kriegs steigen in Deutschland die Preise der Zapfsäule an. Laut SWR-Datenanalyse der Kraftstoffpreise kostete am 30. März 2026 ein Liter Super-Benzin im Mittel 2,12 Euro, E10-Preis lag bei 2,06 Euro pro Liter, und Diesel bei 2,27 Euro.12 Heizöl verteuerte sich von etwas unter 100 auf 147 Euro pro hundert Liter (Stand 30.03.2026)13.
Reduzierte direkte Abhängigkeit in Deutschland – und trotzdem anfällig
Nach dem Angriff auf die Ukraine und dem Ausfall russischer Gaslieferungen 2022 hat sich die deutsche Importstruktur deutlich verändert. Deutschland deckt seinen Erdgasbedarf heute überwiegend über Lieferungen aus Norwegen, die im Jahr 2025 knapp 44% der Importe ausmachten. Weitere Anteile stammen aus den Niederlanden (24,2%) und Belgien (20,7%). Flüssigerdgas (LNG) macht bislang nur etwa 10% der Importe aus, wobei der überwiegende Teil davon – rund 96% – aus den USA bezogen wird.
LNG-Lieferungen aus dem arabischen Raum spielen im europäischen Energiemix derzeit nur eine untergeordnete Rolle.14

Grafk 3: Deutschlands Erdgasbezug 2025
Der aktuell geringe Anteil von LNG aus dem arabischen Raum bedeutet jedoch nicht, dass Europa von dieser Region unabhängig ist. Kurzfristig drohen in Deutschland zwar weder Engpässe bei Kraftstoff noch bei Erdgas. Entgegen den Aussagen von Ministerin Reiche kann Deutschland weiterhin seinen Spritbedarf weitgehend selbst decken.15 Des Weiteren gibt Deutschland im Zuge der Empfehlung der IEA einen Teil seiner nationalen Ölreserven frei, insgesamt sind 2,64 Millionen Tonnen geplant, das sind ca. 19,51 Millionen Barrel.16
Deutschlands nationale Gasspeicher liegen mit 22,2% (Stand 28.2.2026) Füllstand zwar recht niedrig, dies hat laut der Bundesnetzagentur jedoch keinen Einfluss auf die Versorgungssicherheit.17 Allerdings wird das Gaspreisniveau durch die Dauer des Konflikts
beeinträchtigt. Somit kommt es gegebenenfalls nicht zu einer Beeinträchtigung, aber bis nächsten Winter kann es für Verbraucher sehr teuer werden.
Wenn es im Persischen Golf zu langfristigen Lieferstörungen kommt, greifen allerdings auch asiatische Abnehmer verstärkt auf alternative Bezugsquellen zurück. Dadurch entsteht ein direkter Wettbewerb mit europäischen Käufern um verfügbare Kapazitäten, was weltweit steigende Preise zur Folge hat.18 Diese Kosten ziehen Energie- und Transportpreise global nach oben.
Phase 2: Versorgungssicherheit globaler Lieferketten
Der Konflikt hat auch weitere direkte Auswirkungen auf die globalen Produktmärkte, da der Exportverkehr durch die Meerenge ebenfalls zum Erliegen gekommen ist. Unmittelbar betroffen sind alle Unternehmen mit Lieferketten, die über den Persischen Golf führen, sowie die Transportunternehmen. Die folgende Grafik von IMF Portwatch bietet einen Überblick über alle nächsten Anlaufstellen nach der Straße von Hormus und veranschaulicht die globale Dimension dieses Problems. Wenn deutsche Unternehmen Ihre Lieferketten in Produktionsstätten nach Asien ausgelagert haben, erhöht sich die Betroffenheit durch den Konflikt um einiges.

Grafik 4: Nächster Anlaufhafen für Tanker, die die Straße von Hormus im Jahr 2025 verlassen haben¹⁹
Auch die Bab-el-Mandab Meerenge ist durch Angriffe und Drohungen der Huthi-Miliz eine akute Bedrohung für Frachtschiffe und deren Personal. Als alternative Route kommt für Lieferungen von und nach Europa und Amerika derzeit eigentlich nur die Umfahrung über das Kap der Guten Hoffnung infrage. Dies verlängert Transitzeiten normalerweise durchschnittlich auf 20 – 30 Tage. In der aktuellen Phase liegt durch das hohe Mehraufkommen an Schiffen auf dieser Route die Reisdauer laut Angaben von Reedereien bei fast 50 Tagen.20
Gleichzeitig entstehen Engpässe in Häfen entlang der Ausweichrouten sowie eine stärkere Auslastung der globalen Schiffsflotte, wodurch sich Frachtraten zusätzlich erhöhen. Schiffe, die verspätet ankommen, bringen weitere Verzögerungen in ihrer Abhandlung in den Zielhäfen mit und beeinflussen somit auch den weiteren Transport negativ. Versicherer reagieren zudem mit deutlich höheren Kriegsrisikoaufschlägen oder ziehen sogar den Versicherungsschutz zurück.21 Der Effekt sind längere Transitzeiten, höhere Kosten und ein erhöhter Bedarf an operativen Puffern entlang der Lieferketten.
Für Unternehmen mit engen Just-in-time-Strukturen sind längere Lieferzeiten nicht nur ein Kosten-, sondern ein Produktionsproblem. Gleichzeitig erhöht sich die Unsicherheit in der Planung, da kurzfristige Routenänderungen und volatile Transportzeiten die Zuverlässigkeit globaler Lieferketten nachhaltig beeinträchtigen. Besonders kritisch ist auch die zeitliche Verzögerung der Lieferketten: Sobald die derzeit noch unterwegs befindlichen Schiffe europäische Häfen erreicht und ihre Ladung entladen haben, entsteht zunächst eine Versorgungslücke, da kaum neue Schiffe aus der betroffenen Region nachkommen.
Die Straße von Hormus ist ein extrem relevanter Handelsknotenpunkt für Aluminiumprodukte, Baumaterialien und landwirtschaftliche Erzeugnisse. Die Region ist zudem ein bedeutender Exporteur von Düngemitteln.22 Die folgenden Grafiken zeigen das Transithandelsvolumen der Meerenge seit dem 24. Dezember 2025. Betrachtet man die jährliche Zusammensetzung an Schiffstypen, die die Straße passieren, machen Tanker 2025 rund 60,5% aller Schiffe aus, gefolgt von Massengutfrachtern (16,7%) und Containerschiffen (15,9%).23

Grafik 5: Transithandelsvolumen der Straße von Hormus, 24.Dezember 2025 bis 17. März 2026²⁴
Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) warnt vor Versorgungsengpässen bei (petrochemischen) Schlüsselrohstoffen wie Cyclohexan, Glycol, Melamin und Methanol, an denen zahlreiche Produktions-ketten, zum Beispiel für Klebstoffe oder Lösungsmittel, hängen.25
Auch die Düngemittelproduktion, und damit eng verwandt die Lebensmittelindustrie spüren die Folgen der Handelsblockade. Produzenten beziehen in großen Mengen Erdgas als Rohstoff, bis zu 70% der Produktionskosten sind Energiekosten. Düngemittel wiederum machen einen erheblichen Teil der Kosten für Nahrungsmittelproduktion aus, die an Endkunden weitergegeben werden müssen und auch zur Verknappung führen können.26
Phase 3: Makroökonomische Rückkopplung
Das ifo Institut betrachtet in seiner Vorhersage vom 12. März 2026 für die Entwicklungen der deutschen Wirtschaft zwei unterschiedliche Entwicklungsszenarien:
Das Deeskalationsszenario geht von einem raschen Ende des Konflikts und nur vorübergehenden Anstiegen der Rohöl- und Erdgaspreise aus, daher wird für das aktuelle Jahr ein moderates Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts von 0,8%, und für das nächste Jahr von 1,2% erwartet. Diese Einschätzung entspricht auch weitgehend der ifo-Prognose aus dem Winter 2025.
Wäre es nicht zum Energiepreisschock gekommen, hätte sich für das laufende Jahr ein etwas höheres Wachstum von rund 1,0% ergeben.
Dem entgegen geht das Eskalationsszenario von einem deutlich längeren Konflikt mit einem stärkeren und anhaltenderen Anstieg der Energiepreise aus. Deshalb werden die wirtschaftlichen Belastungen spürbar zunehmen und sich in diesem und im nächsten Jahr im Vergleich zum Vorkriegsszenario auf insgesamt 0,8 Prozentpunkte belaufen. Mit einem Anstieg des preisbereinigten Bruttoinlandspro-dukts von lediglich 0,6 % bzw. 0,8 % in diesem und im nächsten Jahr wird sich die 2025 angetriebene wirtschaftliche Erholung Deutschlands zwar fortsetzen, jedoch in einem langsameren Tempo:

Tabelle 2: Makroökonomische Kennzahlen (Prognose des ifo Instituts für 2026 und 2027)²⁷
Bleibt die Inflationsrate länger höher, im Eskalationsszenario einen Stand von knapp unter 3% erreichend, wird die EZB voraussichtlich mit einer strafferen Zinspolitik reagieren. Investitionsvorhaben von Unternehmen werden zusätzlich gedämpft. Die Konsumnachfrage wird in diesem Zuge ebenfalls sinken.
Auch das Institut der deutschen Wirtschaft simuliert die Entwicklung des deutschen Wirtschaftswachstums mit negativem Effekt. Ein Ölpreis von 100 US-Dollar (150 US-Dollar pro Barrel) pro Barrel würde einen Verlust gesamtwirtschaftliche Leistung von real etwa 40 Milliarden Euro real über 80 Milliarden Euro) innerhalb von zwei Jahren bedeuten.28 Hierbei nicht erfasst sind weitere negative Effekte
durch den Anstieg geopolitischer Unsicherheit, höher Gaspreise sind nur indirekt berücksichtigt.
Abhängigkeit durch fossile Energieträger
Das Muster vergangener Energiekrisen ist jedes Mal identisch: Ein geopolitisches Ereignis in einer Förder- oder Transitregion löst über den globalen Öl- und Gaspreis, Transportkosten und Lieferketten eine Kostenwelle aus, die Unternehmen in ganz Europa trifft, unabhängig von deren direkter geografischer Exposition. Diese Regelmäßigkeit ist kein Zufall. Sie ist die systemische Konsequenz einer globalen Wirtschaft, die ihren Energiestoffwechsel auf fossile Rohstoffe aufgebaut hat, welche in wenigen Regionen konzentriert sind und durch geografische Engpässe fließen.
Der neueste Forschungsbericht des Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) und des Thinktanks Renewables First liefert einen tagesaktuellen Beweis für die Wirtschaftlichkeit der Energiewende. Pakistan, früher in großem Stil von LNG und Öl aus dem arabischen Raum abhängig, konnte in den letzten Jahren seine installierte Leistung von PV-Paneelen, auf über 51 Gigawatt anheben. Allein bis Februar 2026 hat das Land Öl- und Gasimporte im Wert von mehr als 12 Milliarden US-Dollar eingespart. Laut Hochrechnungen der Autoren könnte Pakistan bis zum Jahresende weitere 6,3 Milliarden US-Dollar einsparen.29 Hinzu kommt, dass zum Zeitpunkt dieser Hochrechnungen die Ausmaße der aktuellen Situation in der Straße von Hormus noch nicht inkludiert sind.
Die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern ist für Unternehmen ein strategisches Risiko, das sich somit mit Regelmäßigkeit und erheblichen Effekten materialisiert. Unternehmen, welche diese Abhängigkeit reduzieren, verringern die Anfälligkeit gegenüber des nächsten geopolitischen Schocks, unabhängig davon, wo diese entstehen. In diesem Zuge entwickelt sich Nachhaltigkeit zu einem zentralen betriebswirtschaftlichen Steuerungsinstrument. Nachhaltige Transformation unterstützt dabei, Kostenstrukturen neu zu bewerten, Energie- und Materialströme effizienter zu gestalten, Investitionen gezielt zu lenken und potenzielle Risiken frühzeitig zu identifizieren.
Resilienz aufbauen ist das Gebot der Stunde (oder schon vorher)
Selbst das letzte Unternehmen muss verstehen, dass es nicht mehr ein Nebenthema ist, die Wertschöpfung seines Unternehmens resilienter – also widerstandsfähiger – aufzubauen. Es ist auch nie nur eine Maßnahme, sondern diverse Schrauben, an denen man drehen muss, um sich für Krisen wie Corona, dem Ukraine- oder nun dem Irankrieg sowie vor Einflüssen der Klimakrise zu wappnen. Letztendlich muss jedes für sich eine umfassende Klimastrategie für sich selbst entwickeln. Ansonsten bleibt die Anfälligkeit hoch für unerwartete Ereignisse. Gerade bei Energiekosten steht hierfür bereits eine Vielzahl von Maßnahmen für nachhaltige Transformation zur Verfügung:
- Erhöhung der Energieeffizienz – nicht benötigte Energie muss auch nicht erzeugt oder beschafft werden.
- Elektrifizierung sämtlicher Verbrennungsprozesse – weg von Gas und Öl. Wenngleich das auch nicht von heute auf morgen geschehen kann, in Perspektive ist das Schritt für Schritt umzusetzen.
- Bezug erneuerbarer Energien – lokal am einfachsten, aber auch über grüne PPAs lassen sich in den Strombezug integrieren und damit Preisspitzen abpuffern.
- Ausbau von Batteriespeichern – kombiniert mit Gewerbespeichern lassen sich Netzlastspitzen mindern, Eigenerzeugung optimieren und selbst Blackout-Sicherheit für IT-Systeme schaffen.
- Aufbau einer Kreislaufwirtschaft – die Abhängigkeit von Rohstoffen wird sich nicht überall auf null reduzieren lassen, aber ein erhöhter Recyclinganteil schafft kürzere Wege, verringert Einkaufsvolumen und reduziert Abhängigkeiten. Rund vierzig Prozent der deutschen Unternehmen, die auf Vorprodukte aus dem Ausland angewiesen sind, sehen sich bereits heute in einer Abhängigkeit gegenüber China.30
Diese Maßnahmen sollen nur einen Überblick geben – zu individuell sind die Möglichkeiten bei jedem einzelnen Unternehmen. Positive Praxisbeispiele gibt es viele: Wärmepumpen, Solar, Biomasse, Geothermie, oder auch Werkstoffe, die zuvor nicht als Wertstoff wahrgenommen wurden (wie Sportkleidung aus Plastikflaschen oder Häuser aus Altholz). Hinzu kommt, dass nebenbei ebenfalls die CO2-Kosten des Produktes bzw. der Fertigung reduziert werden. Dies reduziert weitere Transitionsrisiken, denn mittelfristig werden CO2-Kosten erheblich steigen – auch wenn die Regelungen zum ETS 2 (siehe auch oben) um ein Jahr aufgeschoben wurden.
Durch ESG-Berichterstattung und Klimabilanzierung entsteht nicht nur Transparenz, sondern auch eine verlässliche Basis für strategische Entscheidungen, die direkt in operative Prozesse hineinwirken. Scope-3-Emissionsreduktion ist nicht nur ein klimapolitisches Ziel, sondern ein Resilienz-Indikator: Ein Lieferant mit hohem erneuerbaren Anteil ist ein stabilerer, krisenresistenterer Partner. Für internationale Unternehmen kommt der Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) der Europäischen Union hinzu, der auf fossile Importe eine CO2Abgabe erhebt, wenn sie in die EU importieren wollen.
Wer früh seine Lieferketten dekarbonisiert, schützt sich nicht nur vor Energiepreisrisiken, son-dern auch vor steigenden CBAM-Kosten, ein doppelter ökonomischer Anreiz zur Transformation.
Fazit
Der Iran-Krieg demonstriert erneut: Die fossile Weltwirtschaft ist systemisch anfällig für geopolitische Störungen. Ein Konflikt kann die Energiepreise weltweit verdoppeln, globale Lieferketten lahmlegen und den deutschen Mittelstand mit erheblich gestiegenen Produktionskosten konfrontieren, auch ohne dass in Deutschland selbst auch nur ein Liter Öl weniger ankommt.
Die gute Nachricht ist, dass die strukturelle Antwort auf dieses Problem bekannt und technologisch verfügbar ist: Energieeffizienz, erneuerbare Eigenversorgung, Elektrifizierung fossiler Verbrennungsprozesse, Diversifizierung und Dekarbonisierung der Lieferketten, all das fällt unter nachhaltige Transformation. Diese Maßnahmen sind keine ideologischen Klimaschutzprogramme, sondern Risikomanage-ment-Instrumente. Sie haben einen nachweisbaren ökonomischen Return on Investment, der sich jedes Mal erneut rechnet, wenn eine geopolitische Krise die Energiepreise in die Höhe treibt.
Nachhaltige Transformation beginnt mit einer ehrlichen Analyse der vorhandenen Daten und Strukturen, führt über die Entwicklung klarer strategischer Zielsetzungen und mündet idealerweise in einer Roadmap, die technologische, organisatorische und kulturelle Aspekte miteinander verbindet. Gerade in einem industriell geprägten Land wie Deutschland eröffnet dieser Prozess neue Chancen für Moderni-sierung und strategische Neuausrichtung. Im Kern geht es darum, die eigene Zukunft proaktiv zu gestalten – genau darin liegt der strategische Wert von Nachhaltigkeit. Unternehmen, die die Transformation nicht als Pflicht, sondern als Gestaltungschance verstehen, können ihre Abhängigkeit von externen Faktoren verringern, ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken und einen bedeutenden Beitrag zur Zukunftsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland leisten.
Wir beraten Sie gerne umfassend zu allen Energie- und Nachhaltigkeitsthemen. Kommen Sie gerne mit Ihrem Anliegen auf uns zu.
Aus dem Newsletter
„EInEws“ Newsletter
hier abonnieren
Quellen und Anmerkungen:
1 Laut der IEA verlaufen rund 25% des weltweiten Öltransportes auf dem Seeweg durch die Straße von Hormus. Gut 80% sind dabei für Asien bestimmt. Hinzu kommen etwa 93% der LNG-Exporte Katars und 96% der LNG-Exporte der Vereinigten Arabischen Emirate, was 19% des weltweiten LNG-Handels entspricht. Die IEA erfasst Pipelinekapazitäten für Rohölströme von 3,5 bis 5,5 Mio. Barrel pro Tag, die die Meerenge umgehen können, das entspricht ca. 25 bis 33 Prozent der normalen Menge.
2 https://iea.blob.core.windows.net/assets/a25ddf53-cd6c-4910-ac90-16bfd28399e7/-12MAR2026_OilMarketReport.pdf
3 https://www.bbc.com/news/articles/ce84z6y3ke4o
4 https://www.ft.com/content/02aefac4-ea62-48db-9326-c0da373b11b8?syn-25a6b1a6=1
5 Strait of Hormuz ship traffic remains at standstill despite Iran, US and Israel ceasefire | RNZ News
6 https://tradingeconomics.com/commodity/brent-crude-oil
7 https://tradingeconomics.com/commodity/brent-crude-oil
8 https://de.tradingeconomics.com/commodity/eu-natural-gas
9 https://tradingeconomics.com/commodity/eu-natural-gas
10 https://www.vattenfall.de/geschaeftskunden/ves/magazin/energie/irankonflikt-energiepreise
11 https://www.roedl.com/insights/ets-2-verzoegert-klimakosten-bleiben-warum-sie-nicht-auf-die-politik-warten-sollten-2/
12 https://www.swr.de/swraktuell/diesel-und-benzinpreise-aktuell-so-tanken-sie-heute-clever-100.html
13 https://www.heizoel24.de/heizoelpreise
14 https://www.vattenfall.de/geschaeftskunden/ves/magazin/energie/irankonflikt-energiepreise
15 https://www.spiegel.de/wirtschaft/service/benzin-und-diesel-gehen-uns-wirklich-sprit-und-heizoel-aus-a-3820485f-a48c-
4ae6-80b3-77f83647cba7?giftToken=d30bbc49-27ac-48e6-85a1-50c33b47ec5e
16 https://www.tagesschau.de/wirtschaft/freigabe-oelreserven-deutschland-100.html
17 https://www.bundesnetzagentur.de/DE/Gasversorgung/aktuelle_gasversorgung/start.html
18 https://www.vattenfall.de/geschaeftskunden/ves/magazin/energie/irankonflikt-energiepreise
19 https://portwatch.imf.org/pages/cc317ba850e34c4dadbead6f7b336fb1
20 https://www.wtagroup.com/resources-and-insights/blogs/how-long-does-sea-freight-take#:~:text=North%20and%20South%20European%20export%20routes&text=Please%20note%2C%20with%20the%20ongoing,increased%20to%20nearer%2050%20days.
21 https://www.tagesschau.de/wirtschaft/weltwirtschaft/strasse-von-hormus-handelsrouten-oel-100.html
22 https://table.media/assets/briefings/security/documents/20260320_documents_ascii_research-brief_strait-of-hormuz.pdf
23 https://portwatch.imf.org/pages/cc317ba850e34c4dadbead6f7b336fb1
24 https://portwatch.imf.org/pages/cc317ba850e34c4dadbead6f7b336fb1
25 https://www.vci.de/presse/pressemitteilungen/schlaglicht-chemie-pharma.jsp
26 https://www.reuters.com/business/energy/how-does-iran-war-affect-fertiliser-supplies-prices-food-security-2026-03-17/
27 https://www.ifo.de/en/facts/2026-03-12/ifo-economic-forecast-spring-2026-consequences-of-iran-war-dampen-recovery
28 https://www.iwkoeln.de/presse/pressemitteilungen/galina-kolev-schaefer-thomas-obst-thomas-puls-samina-sultan-hoehere-oelpreise-koennten-deutschland-bis-zu-80-milliarden-euro-kosten.html
29 https://www.secureenergyproject.org/post/the-hedge-that-paid-off-how-pakistan-s-solar-boom-is-shielding-it-from-the-hormuz-crisis
30 https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/energiewende-studie-belegt-grosse-abhaengigkeit-von-china/100105929.html