Sensitivitäten von Glasfaser-Ausbauvorhaben modellieren und verstehen
- Unerwartet hohe NE4-(Inhouse-)Kosten können Business Cases deutlich belasten.
- Verzögerungen im Ausbau oder langsamer Kundenhochlauf verschieben Break-Even nach hinten.
- Kombination mehrerer Risikofaktoren kann gesamte Rentabilitätsprognose kippen.
- Szenario-Analysen (Take-Rate, Baukosten, Bauzeit) helfen, Resilienz gegen Risiken zu prüfen.
Daseinsvorsorge auf Basis von leitungsgebundener Infrastruktur ist das wesentliche Geschäftsmodell der Energieversorgungsunternehmen vor Ort. Hierbei muss es jedoch nicht nur um Energie gehen, auch die Versorgung der Kunden mit Internettarifen über das eigene Glasfasernetz passt grundsätzlich gut zu den traditionellen Geschäftsmodellen der Stadtwerke. Es handelt sich ebenfalls um langfristig nutzbare Infrastruktur, die den Aufgabenumfang der Stadtwerke insbesondere aufgrund des Nutzens des Glasfasernetzes für die Energienetze im Kontext „Smart Grids“ passend ergänzt. Die erfolgreiche Teilnahme am Glasfaserausbau, sei es als Netzverpächter oder vollintegriertes Telekommunikationsunternehmen, ist jedoch kein Selbstläufer. Immer wieder wird in den Medien über Glasfaserprojekte berichtet, die aufgrund der mangelnden Wirtschaftlichkeit ins Stocken geraten.
Unserer Erfahrung nach können verschiedene Gründe dazu führen, dass die vor Beginn des Ausbauvorhabens erstellten Wirtschaftlichkeitsanalysen in der Glasfasersparte nicht eingehalten werden können. Und selten ist ein einzelner davon die Ursache, vielmehr führt das Zusammenspiel verschiedener Effekte zu einer Belastung, die die Summe ihrer Teile übersteigt und die zu knapp kalkulierte Business Cases zum Kippen bringt. Dies zeigt der Blick auf den Ausbau der Netzebene 4 (NE4), also der In-House-Verkabelung, die in der aktuellen Marktsituation häufig als eine der zentralen Herausforderungen gesehen wird. Fallen, während des Netzausbaus unerwartet hohe Ausbaukosten für die NE4 an, so steigen zunächst die Abschreibungen stärker an als erwartet. Hohe Ausbaukosten der NE4 hängen jedoch nicht selten damit zusammen, dass der Ausbau in Mehrfamilienhäusern zäher vorangeht als geplant – wieder ein Anwohner nicht zu Hause, wieder eine zusätzliche Anfahrt, wieder gehen einige Tage ohne aktiven Kunden ins Land. Es folgt also auch ein langsamerer Kundenhochlauf und damit einhergehend weniger Umsatz und weniger Fixkosten-Regression. Zusätzlich erfordert der größere Investitionsumfang jedoch auch die Sicherstellung der Finanzierung, woraus ggf. höherer Zinsaufwand resultiert. Insgesamt wirkt sich die zunächst geringe Abweichung – etwas höhere Ausbaukosten für die NE4 – somit auf nahezu jede Position der Gewinn- und Verlustrechnung aus und führt daher zu einer wesentlichen Wertminderung des Ausbauprojekts.
Nachsteuerungen der eigenen Aktivität werden somit notwendig. Auf Basis verlässlich geplanter Business Cases können die Auswirkungen einzelner Effekte simuliert und deren Implikationen für die gesamte Wirtschaftlichkeitsbetrachtung analysiert werden. Darüber hinaus können auch mehrere Effekte simultan untersucht werden. Eine umfassende Szenarienbetrachtung ist unerlässlich, um die Resilienz der geplanten Vorhaben zu testen.
Dies soll an folgendem Beispiel veranschaulicht werden: Die fiktive Stadt hat 10.000 Wohneinheiten in 5.000 Gebäuden; es ist kein Glasfaser- oder Leerrohrnetz vorhanden. Unser Muster-TKU wird also den vollständigen FTTH-Ausbau in der gesamten Stadt übernehmen. Der Einfluss möglicher Störfaktoren wird anhand verschiedener Szenarioberechnungen aufgezeigt.
Im Basisszenario gehen wir von einem moderaten Kundenhochlauf, einer plangemäßen Bauzeit und marktüblichen Baukosten aus. Zusätzlich werden drei weitere Szenarien betrachtet: In „Szenario 1 – Take-Rate“ gehen wir von zögerlichen Endkunden aus, bei „Szenario 2 – Bauzeit“ wird eine Verzögerung des Ausbaus unterstellt und in „Szenario 3 – Baukosten“ sieht sich unser Muster-TKU mit erhöhten Baukosten konfrontiert.
Basisszenario: Die Investitionsphase belastet den Jahresüberschuss zunächst deutlich. Bis etwa zum Jahr 2033, das Jahr, in dem der Ausbau im Modell abgeschlossen wird, ergeben sich negative Ergebnisse, weil hohe Bau- und Finanzierungskosten anfallen und sich die Kundenzahlen erst langsam aufbauen. Im Verlauf der 2030er‑Jahre kehrt sich das Bild jedoch. Die Kundenbasis wächst, der Umsatz übersteigt die laufenden Kosten und der Jahresüberschuss wird positiv. Ab Mitte der 2040er‑Jahre stabilisieren sich die Ergebnisse auf einem hohen Niveau. Abbildung 1 zeigt exemplarisch, wie sich der Jahresüberschuss unter diesen Annahmen entwickelt. Negative Werte in den ersten Jahren gehen langfristig in stabile Gewinne über. Zur Beurteilung der Ertragskraft des Muster-TKU wird der ROCE (Return on Capital Employed) in Abbildung 2 dargestellt. Diese Kennzahl misst das Verhältnis des operativen Ergebnisses zum eingesetzten Kapital. Im Basisszenario sind hier in den Anfangsjahren deutlich negative Werte erkennbar, langfristig stellt sich jedoch ein stabiles Kennzahlniveau i. H. v. ca. 15 Prozent ein.
Take‑Rate‑Szenario: Bleibt der Kundenhochlauf hinter den Erwartungen zurück – in diesem Szenario in Form einer stets um 10 Prozent-Punkte niedrigeren Take-Rate – so sinken die Einnahmen bei praktisch unveränderten Fixkosten. Unsere Simulation zeigt, dass sich dadurch der Break‑Even-Point um mehrere Jahre verschieben kann. Die Verluste in der Anlaufphase sind höher, und selbst nach Stabilisierung bleibt der Jahresüberschuss niedriger als im Basisszenario. Dieser Effekt ist auch bei der Analyse des ROCE erkennbar. Durch die geringeren Ergebnisse bei nahezu gleichbleibender Bilanzstrukur liegt der ROCE unter dem Niveau des Basisszenarios.
Bauzeit‑Szenario: Verzögerungen im Tiefbau oder Engpässe bei Baufirmen verursachen, dass das Netz später als geplant in Betrieb geht. In der Szenarioberechnung sind eine um zwei Jahre verlängerte Bauzeit und ein leichter Verzug der Baustarts je Cluster eingeplant. Umsätze entstehen später, während Zinsaufwand und laufende Kosten zum Teil sofort anfallen. Der Jahresüberschuss bleibt in diesem Szenario am längsten negativ; erst einige Jahre nach dem Basisszenario wird der Break‑Even-Point erreicht. Die anfänglich geringeren Jahresfehlbeträge führen nicht zu einer geringeren Belastung. In der Spitze ist der Verlustvortrag des Ausbauprojekts um ca. 25 Prozent höher als im Basisszenario. Die Verzögerung des Ausbaus führt insbesondere in den Anfangsjahren zur größten ROCE-Belastung.
Baukosten‑Szenario: Steigen die Baukosten (z. B. durch Materialpreise oder schwierigen Baugrund), so erhöht sich der Investitionsumfang – in der Kalkulation wurde ein Anstieg um durchschnittlich 13 Prozent im gesamten Ausbauzeitraum unterstellt – und damit der Kapitalbedarf. Dies führt zu höheren Abschreibungen und Zinsaufwendungen. Und verlängert auch hier die anfängliche Phase negativer Jahresergebnisse, der Break‑Even-Point verschiebt sich leicht nach hinten, und auch in den späteren Jahren fallen die Gewinne im Schnitt niedriger aus, weil die Kapitalkosten die Marge schmälern. Somit bleibt auch dieses Szenario hinsichtlich des ROCE sichtbar hinter dem Basisszenario zurück.

Abb. 1

Abb. 2
Die Effekte der analysierten Störfaktoren wirken sich deutlich auf die Ergebnisentwicklung und Rentabilität des Ausbauprojekts aus. Dies zeigt sich auch am Gesamtkapitalwert sowie der Gesamtkapitalrendite (siehe nachfolgende Tabelle) als zentrale Messgröße für die Rentabilität des Ausbaus. In allen drei „Stör-Szenarien“ ist der Werteffekt der negativen Projekteinflüsse deutlich erkennbar. Auch eine Gefährdung der Finanzierung für den weiteren Ausbau ist bei einer Abweichung vom Wirtschaftsplan möglich, was die Analyse des dynamischen Verschuldungsgrads, beispielhaft für das Jahr 2040, zeigt.

Der Szenarienvergleich zeigt die Relevanz einer belastbaren Planung und fundierten Risikobewertung deutlich auf. Auch wenn der Bau eines Glasfasernetzes langfristig attraktive Geschäftsmodelle möglich macht, belasten die Investitionen während der Ausbauphase mittelfristig den Cashflow. Gestaltet sich der Ausbau herausfordernder als erwartet, kann sich dies signifikant auf den Zeitpunkt des Break-Even-Points und die gesamte Rentabilität des Ausbauprojekts auswirken.
Umso wichtiger ist es, vor Beginn des Ausbaus verschiedene mögliche Störfaktoren zu simulieren und zu prüfen, ob der Ausbau auch bei Eintreten derselben noch wirtschaftlich zielführend ist. Schließlich ist das Risiko an dieser Stelle nicht nur ein wirtschaftliches, auch hinsichtlich der Beihilferechtskonformität ist ein positiver Business Case das zielführendste Argument. Läuft der Ausbau, so sind regelmäßige Plan-Ist-Vergleiche und präzises Monitoring der zentralen Stellgrößen der Schlüssel zum wirtschaftlichen Erfolg, denn so kann frühzeitig das Eintreten von Risiken erkannt und das Einleiten passender Gegenmaßnahmen ermöglicht werden.