Singapur: Herausforderungen und neue Impulse in der Energiewende
Derzeit verfolgt der Stadtstaat ambitionierte Klimaziele und Strategien im Rahmen des „Singapur Green Plan“, worunter auch ein sogenannter „Energy Reset“ vorgesehen ist. Ziel ist der sektorübergreifende Einsatz sauberer Energiequellen. Singapur ist zu rund 95 Prozent von importierten fossilen Energieträgern abhängig. Diese Importabhängigkeit macht die Energieversorgung kostenintensiv und krisenanfällig. Daher gewinnen Diversifizierung durch erneuerbare Energien und Speichertechnologien für den Staat weiter strategisch an Bedeutung.
Herausforderungen für alternative Energiequellen
Mehrere Faktoren stellen entscheidende Hürden für den Ausbau erneuerbarer Energien im Stadtstaat dar. Singapurs geringe Größe (734 Quadratkilometer), geografisch bedingte Konditionen inklusive Ressourcenknappheit sowie die hohe Bevölkerungsdichte und Landknappheit begrenzen die Potenziale für nachhaltigere Energiequellen. So ist eine sichere Nutzung von Kernenergie oder Realisierung der Potenziale von heimischer Biomasse praktisch nicht umsetzbar. Ohne geothermische Energiequellen besteht ebenfalls keine Möglichkeit für den Einsatz geothermischer Systeme. Singapurs geringer Tidenhub begrenzt die Möglichkeiten der kommerziellen Gezeitenkraftnutzung. Ein großer Teil der Meeresfläche wird für Häfen, Ankerplätze und Schifffahrtswege genutzt, was die Anwendung von Technologien auf See einschränkt. Auch können die Potenziale von Wasserkraft nicht genutzt werden, da Singapur kein Flusssystem mit ganzjährig schnell fließendem Wasser hat. Auch für kommerzielle Windturbinen stellt Singapurs geografische Lage eine Herausforderung dar. Während kommerzielle Windturbinen bei Windgeschwindigkeiten von über 4,5 m/s arbeiten, beträgt Singapurs durchschnittliche Windgeschwindigkeit nur etwa 2 m/s.
Singapurs Strommix
Singapur deckt seine Energieversorgung nach wie vor überwiegend über fossile, importierte Energieträger ab. Rund 95 Prozent des Energiemixes entfallen auf Flüssigerdgas (LNG) und Öl, wodurch der Stadtstaat in hohem Maße von internationalen Lieferketten abhängig bleibt. Der Beitrag erneuerbarer Energien ist bislang gering: Lediglich etwa 3 Prozent der Stromproduktion stammen derzeit aus regenerativen Quellen, fast ausschließlich aus Photovoltaik. Singapur liegt in der Nähe des Äquators und hat eine relativ hohe Sonneneinstrahlung von 1.580 kWh/m²/Jahr. Zum Vergleich, in Deutschland liegt diese bei rund 1.100 kWh/m. In Singapur verzeichneten die vergangenen Jahre eine bemerkenswerte Dynamik beim Ausbau der Solarenergie. So hat sich die installierte Leistung zwischen 2015 und Ende 2023 von rund 125 MW auf knapp 950 MW fast verachtfacht. Die Regierung hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 eine Kapazität von mindestens 2 GWp zu erreichen, um den jährlichen Strombedarf von etwa 350.000 Haushalten zu decken und rund zehn Prozent des heutigen Spitzenverbrauchs abzubilden. Echtzeitinformationen zur erzeugten Solarenergie in Singapur sind auf der Solar Irradiance Map auf der Webseite der Energy Market Authority (EMA) zu finden.
Um die Flächenknappheit zu überwinden, setzt Singapur auf innovative Konzepte wie schwimmende Solaranlagen (z. B. am Tengeh-Reservoir), Solardächer auf Industriegebäuden, Schulen und Lagerhäusern sowie Solar-Carports im Stadtgebiet. Um die naturgemäßen Schwankungen der Stromerzeugug aus Solarenergie auszugleichen und die Netzstabilität zu sichern, baut Singapur auf große Energiespeichersysteme (ESS). Einen wichtigen Meilenstein markiert die Inbetriebnahme eines ESS auf Jurong Island im Februar 2023. Mit einer Kapazität von 285 Megawattstunden zählt es zu den größten Projekten seiner Art in Südostasien.
Regionale Kooperationen und neue Technologien
Ein wesentlicher Pfeiler der künftigen Energieversorgung Singapurs liegt im regionalen Austausch. Bis 2035 plant die Regierung, rund 4 GW Strom durch grüne Energieimporte zu decken – was etwa 30 % des nationalen Bedarfs entspricht. Entsprechende Vorhaben mit Malaysia, Indonesien, Laos und Australien befinden sich bereits in der Entwicklung. Langfristig verfolgt Singapur die Vision eines südostasiatischen Stromverbundes („ASEAN Power Grid“), der erneuerbare Energiequellen dort nutzt, wo sie effizient erzeugt werden können, und einen grenzüberschreitenden Handel ermöglicht.
Parallel rückt grüner Wasserstoff zunehmend in den strategischen Fokus. Auch wenn sich der Markt noch in einer frühen Pilotphase befindet, will Singapur eine Schlüsselrolle als Import-, Verarbeitungs- und Distributionszentrum übernehmen – sowohl für die Industrie und den Transportsektor als auch als saisonaler Energiespeicher. Erste Initiativen laufen bereits: Demonstrationsprojekte zur Wasserstoffmobilität sowie „Power-to-Gas“-Infrastrukturen auf Jurong Island markieren die technologische Erprobung.
Flankiert wird dieser Transformationsprozess durch eine nationale CO2-Bepreisung, die 2019 als erste ihrer Art in Südostasien eingeführt wurde. Der Einstiegssatz lag bei 5 SGD pro Tonne CO2, wurde 2024 jedoch auf 25 SGD (rund 17 EUR) erhöht und soll bis 2030 auf 50 bis 80 SGD steigen. Betroffen sind rund 80 Prozent der nationalen Emissionen, vor allem aus Industrieanlagen mit einem Ausstoß von mehr als 25.000 Tonnen CO2 pro Jahr. Die Einnahmen aus der Steuer fließen in klimarelevante Förderprogramme und dienen so unmittelbar auch der Finanzierung der Energiewende.
Fazit
Singapur steht in der Energiewende vor erheblichen strukturellen Herausforderungen. Dennoch verfolgt der Stadtstaat ehrgeizige Klimaziele und setzt dabei gezielt auf technologische Innovationen, regionale Kooperationen und marktwirtschaftliche Instrumente wie die CO2-Bepreisung. Besonders die Solarenergie, ergänzt durch Speichersysteme, bildet derzeit den zentralen Hebel zur Diversifizierung des Energiemixes. Darüber hinaus eröffnen grüne Stromimporte und Wasserstoffprojekte langfristig neue Perspektiven für eine nachhaltigere Versorgung. So beweist der Stadtstaat, dass er trotz komplizierter Rahmenbedingungen konsequent Strategien entwickelt, um die eigene Energieversorgung zukunftssicher und klimaverträglich entsprechend des „Singapur Green Plans“ auszurichten.