Veröffentlicht am 29. April 2026
Lesedauer ca. 7 Minuten

Warum die europäische Ebene für Unternehmen bei der Fördermittelakquise an Bedeutung gewinnt – Das EU-Förderregime verstehen (Teil 2)

  • Das EU-Förderregime befindet sich im Wandel
  • Neuauslegung des Subsidiaritätsprinzips
  • Für Unternehmen gewinnt die EU-Ebene an Bedeutung bei der Fördermittelakquise
Maria Ueltzen
Associate Partner
Europäische Dipl.-Verwaltungsmanagerin (FH)
Konstantin Ott
M.Sc. Erneuerbare Energien Management
Im ersten Teil dieses Beitrags wurde das EU-Förderregime in seiner aktuellen Struktur dargestellt - von der Finanzierung des EU-Haushalts über den mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) bis hin zu den Formen der Mittelverwaltung und den Zugangswegen zu Fördermitteln. Aktuelle Entwicklungen zeigen jedoch, dass sich zentrale Elemente dieses Systems wandeln. Der vorliegende Beitrag analysiert diese Entwicklungen und zeigt, welche grundlegenden Verschiebungen sich im EU-Förderregime abzeichnen und welche Konsequenzen sich daraus für Unternehmen ergeben.

1. Erkenntnisse aus der Entwicklung der Mittelverwaltung

Ein zentraler Trend im EU-Förderregime ist die Verschiebung in der Art und Weise, wie Mittel verwaltet und vergeben werden.

In der Vergangenheit erfolgte die Vergabe von EU-Mitteln überwiegend in geteilter Mittelverwaltung zwischen der Europäischen Kommission und den Mitgliedstaaten. Die EU wurde dabei in der Regel nur dann direkt tätig, wenn ein klarer und unmittelbarer europäischer Mehrwert vorlag. Dies betraf insbesondere Forschungs- und Innovationsvorhaben mit grenzüberschreitender Relevanz. Programme wie Horizon Europe stehen exemplarisch für diese Förderlogik.

Unsere Auswertung aktueller Haushalts- und Performanceberichte der EU zeigt jedoch eine deutliche Verschiebung:

  • Der Anteil der direkt durch die Europäische Kommission verwalteten Mittel nimmt deutlich zu (siehe Abbildung 1).
  • Förderprogramme die direkt von der EU verwaltet werden adressieren zunehmend auch Projekte in späteren Wertschöpfungsstufen.

Programme wie der Innovation Fund verdeutlichen diese Entwicklung. Im Fokus stehen hier nicht mehr ausschließlich Forschungsprojekte, sondern gezielt Vorhaben mit unmittelbarer Relevanz für die industrielle Wettbewerbsfähigkeit Europas.

Unsere Beobachtung: Die Mittelverwaltung verschiebt sich zunehmend von der geteilten hin zu einer direkten Verwaltung durch die EU-Kommission, verbunden mit einer Ausweitung des Förderfokus auf spätere Wertschöpfungsstufen.

Abbildung 1: Entwicklung der EU-Mittelverwaltung (inkl. Aufbau- und Resilienz-Fazilität) (Quelle: eigene Darstellung auf Basis von Daten der Annual management and performance reports der EU.)

2. Erkenntnisse aus der Entwicklung der Kapitalaufnahme

Parallel dazu hat sich die Rolle der EU bei der Finanzierung deutlich verändert. Während die EU historisch vor allem als Durchleiter von Finanzmitteln fungierte, ist sie heute ein aktiver Emittent am Kapitalmarkt. Die Emission von EU-Anleihen hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Die EU zählt inzwischen zu den fünf größten Emittenten im Euroraum.

Abbildung 3: Entwicklung der jährlichen Kapitalaufnahme pro Ausgabenprogramm1 (Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an https://commission.europa.eu/document/download/9cbfa1da-2198-4ad7-9846-233eca7397a8_en?filename=FINAL_EU%20Investor%20Presentation_July_2025.pdf)

Diese Entwicklung beschränkt sich nicht auf vergangene Krisenmaßnahmen, sondern setzt sich in den aktuellen Planungen fort. Der Entwurf für den nächsten MFR (2028–2034) sieht ein Haushaltsvolumen von rund 2 Billionen Euro vor und beinhaltet zugleich weitere Programme, die über den Kapitalmarkt finanziert werden sollen. Dazu zählen unter anderem:

  • 150 Mrd. EUR SAFE – bereits bewilligt (Back-to-back-Kredite)
  • 150 Mrd. EUR Catalyst Europe (Back-to-back-Kredite)
  • 395 Mrd. EUR Krisenmechanismus
  • 100 Mrd. EUR Ukraine-Fazilität

Ergänzend werden neue Eigenmittelquellen diskutiert, etwa in Form zusätzlicher Abgaben, wie u.a. eine Unternehmenssteuer oder eine Tabakabgabe, die laut Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen perspektivisch auch zur Refinanzierung bestehender Verbindlichkeiten beitragen könnten.

Auffällig ist dabei, dass die Nutzung kapitalmarktbasierter Instrumente zunehmend nicht mehr ausschließlich als temporäre Krisenreaktion erscheint, sondern verstetigt wird. Die dauerhafte Etablierung der EU als Emittentin auf dem Kapitalmarkt wird auch durch die Aussage von Ursula von der Leyen bei der Vorstellung des vorgeschlagenen nächsten MFR gestützt: „Because crises are no longer the exception, they are the norm, and we have learnt the lesson.“ (Ursula von der Leyen, Brüssel, 16. Juli 2026).

Parallel dazu zeigt die Entwicklung an den Kapitalmärkten, dass EU-Anleihen zunehmend wie Staatsanleihen wahrgenommen werden. Die Renditen bewegen sich in einem vergleichbaren Bereich zu denen bonitätsstarker Mitgliedstaaten. So ist der Risikoaufschlag für EU-Bonds zwar höher als die der Bundesrepublik oder der Niederlande aber niedriger als für Frankreich. Dies bedeutet, dass die EU aus Sicht der Investoren ein vergleichsweise geringes Ausfallrisiko aufweist und als stabiler Schuldner eingeschätzt wird. Für die EU hat dies zur Folge, dass sie sich dauerhaft zu günstigen Konditionen refinanzieren kann und damit in der Lage ist, größere Finanzierungsvolumina über den Kapitalmarkt zu mobilisieren, ohne in gleichem Maße auf direkte Beiträge der Mitgliedstaaten angewiesen zu sein.

Abbildung 4: Anleiherenditen der großen EU-Emittenten im Vergleich (Quelle: https://commission.europa.eu/document/download/9cbfa1da-2198-4ad7-9846-233eca7397a8_en?filename=FINAL_EU%20Investor%20Presentation_July_2025.pdf)

Unsere Beobachtung: Mit der erweiterten Kapitalaufnahme gewinnt die EU an finanzieller Unabhängigkeit und kann Mittel gezielter auf strategische Prioritäten ausrichten. Dies geht mit einer stärkeren Steuerung der Mittelverwaltung auf europäischer Ebene einher.

3. Erkenntnisse aus dem Entwurf des MFR 2028–2034

Der Entwurf für den MFR 2028–2034 bestätigt und verstärkt die bereits beobachteten Entwicklungen. Insgesamt zeichnet sich eine deutliche strukturelle Neuausrichtung der Haushaltsarchitektur ab.

Zentral ist dabei eine Vereinfachung und Bündelung der bisherigen Förderlandschaft. Die Zahl der politischen Schwerpunkte soll von sechs auf drei reduziert werden, wobei insbesondere Wettbewerbsfähigkeit und Verteidigung stärker in den Vordergrund rücken. Gleichzeitig ist eine deutliche Reduktion der Ausgabenprogramme vorgesehen, von derzeit rund 52 auf künftig etwa 16 Programme. Damit verbunden ist der klare Trend zu weniger programmgebundenen Mitteln (derzeit rund 90 % des Budgets fixiert) sowie zu einer stärkeren Zentralisierung der Mittelverwaltung.

Abbildung 5: Haushaltsstruktur laut Vorschlag der EU-Kommission zum MFR 2028 – 2034 (Quelle: https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/?uri=CELEX%3A52025DC0570R%2801%29&qid=1753797062248)

Ein weiteres zentrales Element betrifft die zunehmende Verknüpfung der Auszahlung von EU-Mitteln mit Reformvorgaben und politischen Zielsetzungen. Dieser Ansatz wurde bereits im Rahmen von NextGenerationEU etabliert.

Unsere Beobachtung: Die im Entwurf des MFR vorgesehene Neuausrichtung der Haushaltsarchitektur zielt durch stärkere Mittelbündelung und eine engere Kopplung an Reformvorgaben auf eine höhere Flexibilität der Mittelverwendung sowie eine verstärkte Steuerung auf europäischer Ebene ab.

4. Einordnung der Entwicklungen

Die dargestellten Beobachtungen lassen sich in ihrer Gesamtheit wie folgt einordnen:

  • Durch Änderung der Ausgabenpolitik (mehr direkte Mittelverwaltung und geplante Neuausrichtung des EU-Haushalts, hin zu mehr Flexibilität und Steuermöglichkeiten durch die EU) erlangt EU mehr Kompetenzen, ohne dass sich der rechtliche Rahmen geändert hat.
  • Mit Sondertöpfen außerhalb des MFR und finanziert durch EU-Anleihen erweitert die EU ihren Finanzierungs- und Handlungsspielraum.

Die Gründe hierfür hängen insbesondere mit politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen zusammen.

  • Neue Herausforderungen sind grenzüberschreitend. Die jüngsten Krisen und geopolitische Spannungen zeigen, dass der MFR flexibler werden muss, um schnellstmöglich handlungsfähig zu sein.
  • EU will bei Schlüsseltechnologien und kritischen Rohstoffen weniger abhängig von Dritt-Staaten werden.
  • EU strebt nach stärkerem Einfluss, um Europa zu einer wirtschaftlich wettbewerbsfähigen und verteidigungsfähigen Gemeinschaft zu entwickeln, die global mit den USA und China mithalten kann.

Eine Folge ist eine breitere Interpretation dessen, was als europäischer Mehrwert gilt – Neuauslegung des Subsidiaritätsprinzips: Auch Projekte mit lokalem Fokus können als EU-relevant eingeordnet werden, wenn sie strategische Ziele unterstützen.

5. Welche Implikationen ergeben sich daraus für Unternehmen?

  • Zunehmende Bedeutung der EU-Ebene: Fördermöglichkeiten bestehen vermehrt auch auf europäischer Ebene. Unternehmen sollten daher verstärkt auch Fördermöglichkeiten auf europäischer Ebene systematisch prüfen und frühzeitig in ihre Finanzierungsplanung einbeziehen.
  • Europäischer Wettbewerb: Fördermittelvergaben auf EU-Ebene erfolgen in der Regel im Rahmen kompetitiver Verfahren. Unternehmen stehen dabei im direkten Wettbewerb mit Akteuren aus anderen Mitgliedstaaten. Entscheidend hierfür ist daher eine fundierte Projektkonzeption, eine belastbare wirtschaftliche und technische Planung sowie realistische Zeit- und Ressourcenansätze.
  • Komplexität der EU-Fördermittelakquise: Die Beantragung von EU-Fördermitteln ist häufig mit einem höheren administrativen und inhaltlichen Aufwand verbunden als bei nationalen Programmen. Aus praktischer Sicht entscheidend ist daher der Aufbau interner Kompetenzen im Umgang mit EU-Förderprogrammen oder die Einbindung spezialisierter externer Unterstützung, um Erfolgswahrscheinlichkeit und Effizienz im Antragsprozess zu erhöhen.

6. Fazit

Das EU-Förderregime befindet sich in einem strukturellen Wandel, der sich in der Mittelverwaltung, der Kapitalaufnahme und der vorgeschlagenen Neuausrichtung der Haushaltsstruktur gleichermaßen zeigt. Die EU bündelt zunehmend finanzielle Ressourcen, erweitert ihren Handlungsspielraum und tritt häufiger als direkt steuernder Akteur auf. Für Unternehmen bedeutet dies, dass die europäische Ebene stärker in den Fokus rücken sollte, sowohl bei der Identifikation von Fördermöglichkeiten als auch bei der strategischen Ausrichtung von Projekten.

Zukünftig werden weitere Beiträge zum EU-Fördermittelregime folgen, in denen wir auf aktuelle Entwicklungen eingehen und ausgewählte EU-Programme im Detail beleuchten.

Gerne unterstützen wir Sie bei allen Fragen rund um die EU-Förderung – von der Antragstellung über die richtige Förderstrategie bis hin zur Umsetzung Ihrer Projekte. Sprechen Sie uns gerne an!

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Quellen und Anmerkungen:

1 NGEU = NextGenerationEU; SURE = Support to mitigate Unemployment Risks in an Emergency.