WIND + SONNE = STROM: Trends und Entwicklungen im Stromsektor
Entwicklung EE-Ausbau
Nachdem am 14. Mai ein neuer Rekordwert in der öffentlichen Nettostromerzeugung durch Photovoltaik-Anlagen (PV-Anlagen) erreicht wurde, konnte am 13. Juni ein erneuter Rekordwert festgestellt werden: gegen 12:30 Uhr speisten die PV-Anlagen in Deutschland rund 49,35 GW in das öffentliche Netz ein. Zum Vergleich: 2024 betrug die maximale in das Netz eingespeiste PV-Leistung 44,3 GW (am 25. Juni, 13 Uhr).
Überblick Strommarkt
In den vergangenen Monaten ist ein deutlicher Rückgang der Marktwerte für erneuerbare Energien zu verzeichnen. Im Mai 2025 lag der Marktwert für Solarstrom bei noch 1,997 ct/kWh und erreichte damit den niedrigsten Stand seit Mai 2020. Auch der Marktwert für Windenergie an Land verzeichnete einen Rückgang: Der durchschnittliche Marktwert sank von 7,314 ct/kWh im April auf 6,171 ct/kWh im Mai. Eine Hauptursache für diesen Preisverfall ist der Kannibalisierungseffekt: Wenn Wind und Sonne gleichzeitig hohe Erträge liefern, übersteigt das Angebot auf dem Strommarkt die Nachfrage, insbesondere zu Zeiten geringer Last. Dies führt zu extrem niedrigen Preisen oder zu Stunden mit negativen Strompreisen. Allein im Mai 2025 wurden 112 solcher Stunden registriert, in denen Erzeuger für ihre Einspeisung zahlen mussten. Langfristige Analysen zeigen, dass sich dieser Trend fortsetzen könnte. Laut einer Studie von Enervis im Auftrag von Node Energy wird der Marktwert für Photovoltaik bis 2028 um rund 25 Prozent auf etwa 3,7 ct/kWh fallen.
Auch bei der Windkraft zeichnen sich vergleichbare Entwicklungen ab. Die sinkenden Marktwerte führen zu einer Erhöhung der EEG-Fördersummen, da die Marktprämie als Differenz zwischen Marktwert und Ausschreibungszuschlagswert steigt. Das EEG-Konto wird dadurch stärker belastet, was wiederum Debatten um eine Reform des Fördersystems anheizt. Während der Marktwert Solar grundsätzlich einen Abwärtstrend aufweist, gewinnen vertikale Solaranlagen zunehmend an Attraktivität: 2024 konnten Erträge erzielt werden, die bis zu 28 Prozent über dem Marktwert lagen. Insgesamt verdeutlichen diese Entwicklungen, dass es nicht nur um den Zubau von Anlagen geht, sondern um deren kluge Integration in ein marktgerechtes und stabiles Stromsystem. Flexible Verbraucher, Speicherlösungen, marktdienliche Netzentgelte und neue Vertragsmodelle wie Differenzverträge (CfDs) könnten hier künftig den entscheidenden Unterschied aufweisen.
Überblick Bundesnetzagentur-Ausschreibungen
Die Ergebnisse der ersten EEG-Ausschreibungsrunde 2025 zeigen eine grundsätzlich positive Marktdynamik mit hoher Beteiligung und wettbewerbsfähigen Geboten. Doch Branchenverbände mahnen zur Vorsicht: Langwierige Genehmigungsverfahren und regulatorische Unsicherheit könnten den Ausbau erneut gefährden.
Überblick Batteriespeicherausbau
Die zunehmende Volatilität des Strommarktes und der steigende Anteil Erneuerbarer Energien machen deutlich, dass eine langfristige stabile Energiewende ohne ausreichend Speicherkapazitäten nicht zu bewältigen ist. In den vergangenen Monaten ist erkennbar, wie Politik und Wirtschaft den Handlungsbedarf zunehmend ernst nehmen und der Ausbau von Batteriespeichern in Deutschland an Dynamik gewinnt. Besonders im ersten Quartal 2025 wurden sowohl im gewerblichen als auch im privaten Segment bedeutende Fortschritte erzielt. Nach Angaben des Bundesverbands Solarwirtschaft BSW wurden allein in diesem Zeitraum über 1,7 GWh an neuer Speicherkapazität installiert, ein Plus gegenüber dem Vorjahresquartal von 1,5 GWh.
Für den 27. Mai 2025 wurde eine grundlegende Entscheidung des BGH zur rechtlichen Behandlung von Baukostenzuschüssen bei Batteriespeichern erwartet. Die Entscheidung wurde jedoch vertagt und wird nun am 15. Juli 2025 erwartet. Einen umfassenden Überblick hinsichtlich des aktuellen Rechtsrahmens sowie Fördermechanismen und Entlastungen für Stromspeicherprojekte liefert ein Artikel des Newsletters Kursbuch Stadtwerke aus Juni 2025 von Rödl. Nachdem der BGH eine Entscheidung zur Kundenanlage getroffen hat, werden weitere Details mit der noch ausstehenden Urteilsbegründung erwartet.
Überblick politische Reformen und Strategien im Kontext Erneuerbare Energien/Stromsektor
Die neue Regierungskoalition aus CDU/CSU und SPD bekennt sich im Rahmen ihres Koalitionsvertrags zu den bereits beschlossenen deutschen und europäischen Klimazielen sowie zum Pariser Klimaabkommen. Der Fokus im Bereich Klima und Energie wird auf einen system- und netzdienlichen Ausbau der Erneuerbaren Energien gelegt. Zudem sollen die Industrie und Privathaushalte durch eine Strompreisreduzierung von mindestens 5 ct/kWh entlastet werden. Einen Überblick zum Bereich Klima und Energie ist in diesem Artikel zu finden.
Noch weitreichender könnten die Vorschläge aus dem aktuellen Diskussionspapier „AgNes“ (Anreize für ein gerechtes Netzentgeltsystem) der Bundesnetzagentur wirken. Die darin skizzierten Modelle verfolgen das Ziel, die heutigen Netzentgelte stärker an Verbrauchsverhalten, Lastflexibilität und Standortfaktoren auszurichten. Im Kern geht es um die Einführung leistungsabhängiger Komponenten in der Netzentgeltstruktur, die flexible Verbraucher wie Wärmepumpen, Speicher oder steuerbare Ladesäulen gezielt belohnen sollen. Gleichzeitig sollen zeitvariable Tarife Anreize durch Preisreduktionen in Phasen hoher Einspeisung erneuerbarer Energien setzen, um Strom in Netzschwachlastzeiten zu verbrauchen. Für viele Akteure der Energiebranche hätte ein solches System grundlegende Auswirkungen auf die Geschäftsmodelle: Netzdienlichkeit würde nicht nur technisch, sondern auch ökonomisch attraktiv. Das Papier befindet sich aktuell in der Konsultation, eine gesetzliche Umsetzung könnte ab 2026 angestrebt werden.
Und was ist sonst noch passiert?
Am 28. April 2025 kam es auf der Iberischen Halbinsel zu einem massiven Stromausfall, der Spanien und Portugal stundenlang lahmlegte. Rund 15 Gigawatt Leistung gingen innerhalb von fünf Sekunden verloren, das entspricht etwa der Leistung von elf großen Atomkraftwerken. Die Auswirkungen waren gravierend: In großen Teilen Spaniens und Portugals kam es zu einem stundenlangen Stromausfall, der auch zeitweise Regionen in Südfrankreich und Marokko erfasste. Der Mobilfunkverkehr war erheblich gestört, zudem kam es zu Ausfällen bei Ampelanlagen und im Bahnverkehr. Die Ursache war laut Untersuchungen kein Cyberangriff, sondern eine Kettenreaktion technischer und organisatorischer Fehler: Eine Überspannung in einem Umspannwerk im Süden Spaniens führte zum Ausfall mehrerer konventioneller Kraftwerke, während Reservekapazitäten nicht aktiviert wurden. Zusätzlich fehlte es an ausreichender Blindleistung, was die Spannungsstabilität weiter schwächte. Da rotierende Massen – wie sie in konventionellen Kraftwerken vorhanden sind – weitgehend fehlten, reagierte das Stromnetz deutlich anfälliger auf die Frequenzschwankungen. Die wirtschaftlichen Schäden werden auf bis zu 4 Milliarden Euro geschätzt. Der Vorfall hat eine europaweite Debatte über die Systemstabilität ausgelöst – insbesondere über die Rolle von Speichern, Netzreserven und steuerbaren Kraftwerken in einem klimaneutralen Energiesystem. Ein abschließender Bericht wird frühestens im Herbst erwartet.
Fazit
Trotz anhaltender Unsicherheiten aufgrund ausstehender rechtlicher Entscheidungen, insbesondere im Zusammenhang mit der Novellierung des EEG, BKZ, AgNes und potenziellen möglicher Änderungen im Bezug auf die Kundenanlage, bleibt der Markt in Bewegung. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien schreitet weiter voran, und auch die Batteriespeichernachfrage hält sich auf einem hohen Niveau. Langfristig sind Kreativität und neue Lösungsansätze gefragt – die klassischen Geschäftsmodelle müssen kritisch hinterfragt und gegebenenfalls neu ausgerichtet werden, um einer drohenden Unwirtschaftlichkeit vorzubeugen.