Veröffentlicht am 9. März 2026
Lesedauer ca. 4 Minuten

Zwischen Regulierung und Markt: Warum Nachhaltigkeit zum Erfolgsfaktor wird

  • Nachhaltigkeit ist strategischer Vorteil, nicht nur regulatorische Pflicht.
  • Stakeholder und Markt treiben Unternehmen zu mehr Transparenz und Datenqualität.
  • ESG-Kennzahlen stärken Risikoerkennung, Effizienz und Geschäftsmöglichkeiten.
  • Unternehmensspezifische KPIs machen Nachhaltigkeit steuerbar und wertvoll.
Dr. Christian Maier
Partner
Wirtschaftsprüfer, CPA (U.S.), Head of Accounting, Reporting & Process Advisory
Anna Wilhelm
Partner
Head of Sustainability Services, Consultant, Sustainability Auditor IDW
Bernadette Bauer
Senior Associate
CMAAR
Nachhaltigkeit ist längst mehr als reine Pflicht. Markt, Investoren und Kunden erwarten transparente ESG-Daten, während Unternehmen Chancen erkennen, Risiken reduzieren und Effizienz steigern können. Gegenläufige regulatorische Entwicklungen erschweren die Orientierung, doch wer Nachhaltigkeit strategisch integriert, verwandelt Aufwand in Wettbewerbsvorteile. Mit dem strategischen Einsatz von Daten, KPIs und Steuerungsinstrumenten steigern Unternehmen ihre Wiederstands- und Zukunftsfähigkeit.

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Nachhaltigkeit ist längst mehr als Compliance 

Gesetzliche Vorgaben sind längst nicht mehr der alleinige Impuls für Nachhaltigkeitsentwicklungen in Unternehmen. Vielmehr treiben Marktprozesse, Stakeholder-Erwartungen und interne Strategien die Umsetzung unternehmerischer Nachhaltigkeit voran (1). Kunden, Investoren und Geschäftspartner achten zunehmend auf nachhaltige Geschäftsmodelle (2). Gleichzeitig erkennen Unternehmen, dass ein konsequentes Nachhaltigkeitsmanagement Risiken mindern, Effizienz steigert und neue Geschäftsmöglichkeiten eröffnen kann (3). 

In der Praxis wird Nachhaltigkeit dennoch häufig noch vor allem unter Kosten- und Investitionsgesichtspunkten betrachtet, wodurch vielfältige Mehrwerte ungenutzt bleiben. Dabei verfestigt sich zunehmend eine klare Entwicklung in der Erwartungshaltung unterschiedlicher Stakeholder: Die Anforderungen von Gesellschaft und Marktumfeld richten sich vermehrt an Nachhaltigkeitskriterien aus. Unternehmen, die Nachhaltigkeit weiterhin nur isoliert als Aufwand betrachten, laufen daher Gefahr, an diesen strukturellen Veränderungen vorbeizusteuern; insbesondere, da kurzfristige regulatorische Diskussionen den langfristigen Trend zwar überlagern, ihn jedoch nicht aufhalten. 

 

Regulatorische Unsicherheit – und dennoch steigende Anforderungen 

Trotz regulatorischer Unsicherheiten – etwa der vorübergehenden Aussetzung bestimmter Berichtspflichten („Stop the Clock“) oder anderer Erleichterungen im Rahmen der Omnibusinitiative – gibt es gleichzeitig gegenläufige Entwicklungen auf internationaler Ebene. 

So treibt beispielsweise China derzeit die Einführung verbindlicher Nachhaltigkeits- und ESG-Regelungen massiv voran (4), was für internationale Unternehmen eine hohe internationale Relevanz besitzt mit sich bringen kann. Diese Entwicklung steht im Kontrast zu einzelnen Lockerungen auf EU-Ebene und zeigt, dass Nachhaltigkeitsanforderungen nach wie vor eine zentrale Rolle in den aktuellen Entwicklungen spielen. 

Auch auf nationaler Ebene bleibt die Dynamik in diesem Themenfeld bestehen. Ein aktuelles Urteil des Bundesverwaltungsgerichts unterstreicht exemplarisch die wachsende Bedeutung (5): Mit Urteil vom 29. Januar 2026 stellte das Bundesverwaltungsgericht fest, dass das Klimaschutzprogramm 2023 der Bundesregierung um zusätzliche Maßnahmen zu ergänzen ist, um das nationale Klimaziel für 2030 – eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um mindestens 65 % gegenüber 1990 – zu erreichen. Infolgedessen arbeitet die Bundesregierung an einem überarbeiteten, rechtlich belastbaren Programm, das bis Ende März 2026 vorgelegt werden soll und insbesondere die bestehende Emissionslücke von rund 200 Mio. Tonnen CO₂ adressiert. Sobald die Bundesregierung das Klimaschutzprogramm überarbeitet hat, können neue verbindliche Maßnahmen auf bestimmte Branchen zukommen. 

 

Trend: Nachhaltigkeitsdaten gewinnen an Bedeutung 

Unternehmen investieren zunehmend mehr Ressourcen in die Erfassung, Aufbereitung und Analyse von Nachhaltigkeitsdaten – nicht weniger. Hohe Datenqualität und Transparenz schaffen heute einen klaren Wettbewerbsvorteil. Unternehmen, die ihre ESGDaten systematisch erfassen und auswerten, können Risiken besser erkennen, Chancen frühzeitig nutzen und ihre Position gegenüber Investoren und Geschäftspartnern stärken (6). 

Der Druck von Markt und Stakeholdern bleibt hoch: Kapitalgeber, Kunden und Partner erwarten verlässliche Informationen über ökologische, soziale und Governance-Aspekte. Wer diesen Anforderungen nicht gerecht wird, läuft Gefahr, dass externe Systemrisiken direkt auf die Finanzkennzahlen durchschlagen. Dazu zählen etwa Lieferengpässe aufgrund unerwarteter Klimarisiken oder ein Rückgang der Nachfrage, weil Kunden zunehmend auf nachhaltige Produkte und Geschäftsmodelle achten. 

Ein konsequentes Nachhaltigkeitsmanagement trägt daher nicht nur zur Regelkonformität bei, sondern stärkt die Resilienz von Unternehmen gegenüber ökologischen und sozialen Risiken. Gleichzeitig eröffnet es neue Möglichkeiten. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass das Thema richtig implementiert wird. Kennzahlen müssen so definiert sein, dass sie für das Unternehmen sinnvoll als Steuerungsgrößen dienen und die Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie effektiv unterstützen. 

 

Nachhaltigkeit richtig genutzt: Vom Aufwand zum Wettbewerbsvorteil 

Wer Nachhaltigkeit als reine Pflichtübung versteht, verschenkt nicht nur Potenziale, sondern auch Ressourcen, die im Rahmen regulatorischer Anforderungen ohnehin eingesetzt werden müssen. Unternehmen, die sich auf Mindestanforderungen beschränken, verzichten damit auf wesentliche strategische Vorteile.  

Entscheidend ist eine durchdachte Integration in die Geschäftsstrategie und dass Themen unternehmensspezifisch betrachtet werden. So lassen sich gezielt Chancen und Risiken identifizieren, die für das eigene Geschäftsmodell relevant sind. Um diese Potenziale und die Bandbreite einer nachhaltigen Unternehmensentwicklung sichtbar und steuerbar zu machen, sind unternehmensspezifische KPIs zentral.  

Nachhaltigkeitskennzahlen entfalten ihren Mehrwert im Unternehmen erst dann, wenn sie auf die tatsächlichen Geschäftsprozesse und Steuerungslogiken abgestimmt sind. Richtig definiert, werden sie zu relevanten internen Steuerungsgrößen – etwa bei der CO₂-Intensität einzelner Produktlinien, dem Anteil resilienter Lieferanten oder der Fluktuationsrate in kritischen Funktionen. 

Ein entsprechend aufgesetztes Nachhaltigkeitsmanagement stärkt die Resilienz des Unternehmens. Es erweitert die Datenbasis für Planung und Steuerung und integriert zusätzliche Risiko- und Einflussfaktoren in unternehmerische Entscheidungen. Nachhaltigkeit wird damit vom Nebenthema zum funktionalen Bestandteil der Unternehmenssteuerung. 

Auch regulatorisch wird dieser Ansatz gestützt. Der aktuelle ESRS-Draft betont die unternehmensspezifische Ausgestaltung von KPIs. Damit rückt die Verbindung zwischen Nachhaltigkeit und operativer Steuerung stärker in den Fokus. 

 

 

(1) https://www.bdo.de/de-de/insights/aktuelles/assurance/neue-esg-studie-beleuchtet-nachhaltigkeitstrends, https://www.noerr.com/de/insights/esg-studie_unternehmenstransformation

(2) https://www.pwc.de/de/nachhaltigkeit/global-investor-esg-survey.html

(3) https://www.joebm.com/vol12/JOEBM-V12N2-787.pdf

(4) https://greencentralbanking.com/2026/01/27/chinas-issb-aligned-reporting-rules-go-beyond-many-global-standards-say-experts/, https://www.chinadaily.com.cn/a/202601/30/WS697c97aba310d6866eb36ace.html

(5) https://www.bverwg.de/pm/2026/05

(6) https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S240584402302100X